Eine große Dichterin für kleine Leser – Seite 1

Von Günther Specovius

Heutzutage gibt es so gut wie keine literarischen Wunder. Die Schwedin Astrid Lindgren aber ist eins. Ihre Kinderbücher sind so voll reiner, bezaubernder Poesie, wie man sie in den zeitgenössischen Romanen und Erzählungen nur schwerlich findet. Das Kapitel Kinderbuch gehört zu den weniger glänzenden in der modernen Literaturgeschichte, falls es dort überhaupt behandelt wird. Abgesehen von ein paar Beispielen, präsentiert sich in Deutschland unter dem Namen Kinderbuch eine Gattung von Schrifttum, die sich teils in gefühlsarmer und phantasieloser Abschilderung irgendeines, vielfach noch historischen Abenteuers erschöpft, teils in einem altklugen und verniedlichten Aufguß der Non-fiction-Literatur besteht. Von einer Nachfolge der Brüder Grimm, die mit ihren Märchen in aller Welt Unsterblichkeit erlangten, ist in ihrer Heimat kaum etwas zu merken.

In diese Dürre fuhren wie ein Sturmwind die 18 Bücher von Astrid Lindgren, die bisher in deutscher Übersetzung herauskamen. Wenn behauptet wird, ihre Werke hätten eine literarische Revolution ausgelöst, so wurde damit gewiß nicht der Mund zu voll genommen; wenn ihrer "Pippi Langstrumpf" therapeutische Wirkungen in der Kindererziehung zugeschrieben und diese kleine Trilogie als Hilfsmittel bei komplexbehafteten Kindern angewandt wird, so erscheint das durchaus nicht ungewöhnlich.

Astrid Lindgren: Lillebror und Karlsson vom Dach. Aus dem Schwedischen von Thyra Dohrenburg. Einband und Illustrationen von Ilon Wikland. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg. 160 S., ca. 5,80 DM

ist das letzte Glied in dieser Kette beispielhafter Kinderbücher.

Karlsson ist ein kleiner, mißwachsener Gnom, der einen Motor mit einem Propeller auf dem Rücken hat und auf dem Dach zwischen den Schornsteinen haust. Sobald er an einem Knopf dreht, "der ungefähr mitten vor seinem Nabel sitzt", springt sein winziger Motor an und Karlsson kann fliegen, wohin er will. Meistens fliegt er zur Lillebror, seinem Freund, um mit ihm neue Streiche auszuhecken.

Astrid Lindgrens großes Talent, mit den simpelsten Stilmitteln Atmosphäre zu schaffen, erkennt man schon an der ersten Zeile. Sie beherrscht das vollkommen, was man die "captatio benevolentiae", den "Lassowurf" nach der Aufmerksamkeit des Lesers nennt. "Lillebror und Karlsson vom Dach" setzt so ein:

Eine große Dichterin für kleine Leser – Seite 2

"In einem ganz gewöhnlichen Haus in einer ganz gewöhnlichen Straße in Stockholm wohnt eine ganz gewöhnliche Familie, und die heißt Svanteson. Dazu gehören ein ganz gewöhnlicher Papa und eine ganz gewöhnliche Mama und drei ganz gewöhnliche Kinder, Birger, Betty und Lillibror. ‚Ich bin überhaupt kein gewöhnlicher Lillebror‘, sagt Lillebror. Aber das stimmt nicht. Er ist wirklich ganz gewöhnlich..."

Diese drollige Geschichte von der Freundschaft zwischen Lillebror, "Brüderchen", und dem mißratenen Dachbewohner mit den verklumpten Händen, der nicht nur der beste "Dampfmaschinenaufpasser der Welt", sondern in allem der beste ist, ist schlichtweg ein kleines Meisterwerk. Das Porträt Karlssons zeugt von einer unwahrscheinlichen Beobachtungsgabe. Nicht nur, daß dieser skurrile Strolch in der Weltgeschichte herumfliegen kann, ohne in ein Flugzeug zu steigen und damit den Traum wohl eines jeden Jungen verkörpert (der Rezensent gesteht, daß er sich noch heute nach dieser schier unübertreffbaren Art von Fortbewegung sehnt), daß er auch trotz seines unverblümten Egoismus die Zuneigung Lillebrors und der anderen Lausbuben gewinnt, beweist, wie gut sich Astrid Lindgren in dem Seelenleben der Siebenjährigen auskennt.

Vom lustigen Landleben einer sechsköpfigen Horde von Jungen und Mädchen handeln die beiden "Bullerbü"-Bücher, denen bald eine weitere Fortsetzung folgen soll und die wie alle Bände Astrid Lindgrens von Ilon Wikland illustriert wurden und bei Friedrich Oetinger in Hamburg verlegt werden:

Wir Kinder aus Bullerbü. Aus dem Schwedische! von Else von Hollander-Lossow. 112 S., 4,83 DM – und: Mehr von uns Kindern aus Bullerbü. Aus dem Schwedischen von Karl Kurt Peters. 140 S., 4,80 DM.

Der Ton ist hier naiver, aber es ist genau die pfiffige, verschmitzte Art, in der ein aufgewecktes, kleines Mädchen von ihren "tollen" Erlebnissen in dem Drei-Häuser-Dorf erzählt.

Meisterdetektiv Blomquist. Aus dem Schwedischen von Cäcile Heinig. 151 S., 5,80 DM

ist die Geschichte eines Juwelendiebstahls, der von dem 13 Jahre alten Kalle, für den so etwas "reine Routinierarbeit" ist, aufgedeckt wird. Das Thema ist also mit dem von Kästners "Emil und die Detektive" verwandt. Den Teenagers hat die Autorin die Erzählungen von Katis Weltreisen gewidmet, von denen uns

Eine große Dichterin für kleine Leser – Seite 3

Kati in Amerika. Aus dem Schwedischen vor: Else von Hollander-Lassow. 160 S., 6,80 DM

vorliegt. Die originellen Aspekte, unter denen Kati die Neue Welt betrachtet, sind typisch für die Unkonventionalität, mit der Astrid Lindgren den Genre Jungmädchenbuch zu Leibe rückt und alle ähnlichen, Versuche bei weitem und scheinbar schwerelos überflügelt.

Unsere ganze, uneingeschränkte Liebe, bei der wir alle Waffen der Kritik mit Freuden strecken, gehört aber

Mio, mein Mio. Aus dem Schwedischen von Karl Kurt Peters. 175 S., 6,80 DM,

ein Buch, das auf der diesjährigen Jugendbuchwoche von Bundespräsident Professor Heuss mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Hier ist auch der Zeitpunkt gekommen, um von den Bildern Ilon Wiklands zu sprechen. Wenn Illustrationen kongenial sein können, dann sind es die von Wikland. Bei ihm haben die Kinder ganz kleine Knopfaugen und mächtige Haarschöpfe, in denen man wühlen möchte, so sprühen und leuchten sie. Nichts ist da süßlich, alles atmet einen eigenen, hauchzarten Charme, und sogar die Steine leben und haben ein Gesicht aus lauter kreisrunden Narben. Die Geschichte von dem Waisen Bo Vilhelm Olsson aus der Upplandsgatan, der als Prinz Mio im "Land der Ferne" bei seinem Vater, dem König, aufwacht und dort die ihm seit Jahrtausenden zugedachte Aufgabe erfüllt, indem er den bösen Ritter Kato besiegt, kann man getrost neben Oscar Wildes "Selfish Giant" stellen. Auch dieses Kunstmärchen ist so durchwoben von religiösen und mystischen Elementen, daß es den Erwachsenen in seinen geheimnisvollen Bann schlägt, wie es von Knaben und Mädchen mit glühenden Backen verschlungen wird. In dem schlichten Gewand dieses Kinderbuches findet sich echte, unverfälschte Dichtkunst, "ist doch das Märchen", wie Novalis sagt, "der Kanon aller Poesie".