Wenn eine bedeutende Persönlichkeit uns verläßt, die wir uns gewöhnt haben zu den Großen zu zählen, zu den Meistern, die den schmalen Bestand unseres nationalen Ruhmes ausmachen, so pflegt sich in unserer Bewertung eine seltsame Umwertung zu vollziehen. Bei vielen wird es uns plötzlich klar, daß jetzt an Stelle einer bisher gleichbleibenden Bewunderung ein blasser werdender Respekt vor einer abgeschlossenen, zeitbedingten Leistung sich einstellt, daß schon mit dem zeitlichen Ende die historische Rückschau beginnt. Ganz selten nur ist es anders, nur bei wenigen übt der Tod jene verklärende, alle Einwände weit übertönende Wirkung, die den Abgeschiedenen nun erst recht ins helle Licht der Bewunderung rückt, ihn schon jetzt in einer gereinigten, in seiner dauernden Gestalt erscheinen läßt.

Emil Nolde, der in seinem Haus in Seebüll bei Niebüll dicht an der dänischen Grenze im 89. Lebensjahr friedlich entschlafen, war mitten in den Vorbereitungen für eine umfassende Repräsentation seiner Malerei auf der Biennale in Venedig, von der seine Freunde sich internationale Anerkennung erhoffen. Daß sie ihm zuteil werden wird, wenn nicht schon heute, so doch im Laufe einer wachsenden Abklärung eines immer noch leichten Schwankungen unterworfenen Urteils, das erscheint uns im Rückblick auf das überreiche Lebenswerk gewiß zu sein.

Sein Leben war ein ständiger Kampf. Unbeirrt ist er seinen Weg gegangen. Fast bis zu seinem 30. Jahr hat es gedauert, bis der schleswig-holsteinische Bauernsohn sich seiner eigentümlichen Kraft künstlerischer Aussage bewußt wurde, daß er Vertrauen gewann, mutig gegen den Strom zu schwimmen. Noch herrschte in Deutschland unwidersprochen ein verfeinerter Spät-Impressionismus – man erinnert sich an die erbitterte Auseinandersetzung mit Max Liebermann –, und zunächst hat sich auch Nolde impressionistischer Ausdrucksmittel in seltsam vergröberten Formen bedient, wenn auch mit einer gänzlich veränderten Zielsetzung. Mit dem farbigen Abglanz der Welt wollte er die Durchdringung des Angeschauten mit mythischen Kräften aus der Tiefe eines ganz persönlich bedingten Naturerlebens verbinden. Im fehlten Schulung und künstlerische Erfahrung, ihm fehlte auch jede Verbindung mit den in Frankreich, etwa im Kreise der Fauves, in verwandter Richtung aufbrechenden Künstlern. Standen diese trotz allem in einer alten malerischen Tradition, so galt es für den Deutschen, sich alles selbst zu erobern. Das gab seinen Anfängen eine viel gescholtene, ungelenkte Drastik, aber zugleich eine Ursprünglichkeit des Empfindens und der Darstellungsform, die sich in raschem Aufstieg strahlend durchzusetzen verstand. Die große Sehnsucht unserer Zeit nach dem Urtümlichen und dem Urkräftigen fand in seinen farbenglühenden Blumengärten, den ausdruckstarken Landschaftsdarstellungen seiner nordischen Heimat, vor allem den gewaltigen Meerbildern, ihre beglückende Erfüllung. Dieser Durchbruch einer aus der Tiefe seelischen Erlebens neu gewonnenen Innerlichkeit vollzog sich indessen mit so explosiver Kraft, so sehr den Nuancenreichtum der alles beherrschenden französischen "peinture" vernachlässigend, daß es wohl als verständlich erscheinen mag, wie sehr seine Bilder zunächst auf die Öffentlichkeit eine Schockwirkung ausübten und auch späterhin die wachsende Anerkennung zunächst ganz auf Deutschland beschränkt blieb. Aber ein kleiner Kreis treuer Bewunderer und Freunde sammelte sich früh um ihn, die bitterste Not lindernd. Zu ihnen gehörte der Schweizer Rechtsgelehrte Professor Hans Fehr, der Hamburger Landgerichtsdirektor Gustav Schieffler und auch eine Reihe mutiger deutscher Museumsdirektoren, wie Ernst Gosebruch, Karl Ernst Osthaus und allen voran Max Sauerlandt, dessen von leidenschaftlicher Begeisterung getragene Monographie den Weg zum allgemeineren Verständnis eröffnete. (Sie ist 1912 erschienen.)

Eine außerordentliche Steigerung erlebte seine Kunst – freilich verbunden mit einer zunächst befremdenden Zumutung für seine Freunde – durch die Aufnahme religiöser Motive. Nach seinem eigenen Bericht fühlte er sich dabei wie unter dem Diktat einer höheren Offenbarung. Sein "Abendmahl" von 1909 – unter Protest der öffentlichen Meinung von Sauerlandt für sein Museum in Halle erworben –, "Pfingsten" oder Legendenbilder wie das Triptychon "Maria Aegyptiaca (heute in der Hamburger Kunsthalle) sind erfüllt von einem zwar ganz undogmatischen, aber echten und bezwingenden religiösen Pathos. Verglichen etwa mit Georges Rouaults heute international so hoch gewerteten christlichen Darstellungen erweist Nolde eine originale Vorstellungskraft. Es ist bezeichnend für des Künstlers Drang zum Erleben reiner Natur und unverbildeten Menschentums, daß er, wie Gauguin, den Weg zu den Primitiven fand und eine Reise in die Südsee seine Kunst wiederum vertieft und einprägsamer gemacht hat.

Von Entwicklung in üblicher Art kann kaum die Rede sein. Immer neuen Aufschwüngen folgten Zeiten der Ermattung, und es hängt zusammen mit des Künstlers eruptiver Natur – er gehört mit Marc Chagall zu den bedeutendsten Vertretern des Expressionismus im reinsten Wortsinn –, daß er sich von Bildungselementen humanistischer Art weitgehend freihielt und ausschließlich der eigenen Intuition vertraute. Das hat zur Folge gehabt, daß ihm nicht ganz zu Unrecht mangelnde Selbstkritik vorgeworfen worden ist, doch darf dabei nicht übersehen werden, daß auf diesem Wege, und für ihn nur auf diesem, visionäre Gestaltungen von so echter und reiner Überzeugungskraft überhaupt möglich geworden sind.

Sein Werk ist ungleich in bezug auf die künstlerische Qualität. Eine große, längst fällige Gesamtausstellung mit den besten Werken aus allen Jahrzehnten seiner langen Schaffenszeit bedarf einer strengen, sichtenden Hand. Dann aber wird sie einen heute noch kaum geahnten Reichtum offenbar machen. Wir möchten sie uns in Hamburg wünschen, wo Nolde früh und andauernd stärkste Förderung erfahren hat. Einen wichtigen Platz werden dabei die Aquarelle einzunehmen haben, deren Technik er auf eine so in Deutschland nie bisher erlebte Höhe geführt hat, mit berauschenden Farben auf leicht aufsaugendes Japanpapier rasch hingetuscht. Auch in der Graphik hat er unverwechselbar eigene Ausdrucksmöglichkeiten gefunden.

Wenn in den zwanziger Jahren eine Höhe des Ruhmes, zumindest in Deutschland, erreicht zu sein schien – seine Bilder wurden ihm von der Staffelei weg verkauft und man sprach von fürstlichen Einkünften –, so folgte durch die Beschlagnahme seiner sämtlichen Bilder in den deutschen Museen im Jahre 1937 eine neue Prüfungszeit, die der bei allen Wechselfällen aufrechte Künstler mit Gelassenheit und unverrückbarem Glauben an seine Mission ertragen hat. Es bezeichnet die Unsicherheit und tiefe Verlogenheit der nationalsozialistischen Kunstpolitik, ihren Widerspruch zu den bombastischen Phrasen über eine Erneuerung der Kultur aus den Kräften von "Blut und Boden", daß sie eine Malerei verkannt hat, die genau dieser Forderung, freilich ohne programmatische Absicht, in so hohem Maße entsprach.

Die Zeit nach dem Kriege hat manches wiedergutgemacht. Jetzt aber hatte sich die Kunst anderen Zielen zugewandt, und die Kritik richtete sich gegen die mangelnde Formstrenge und die allzu subjektive Gefühlswelt. Die Gegnerschaft einer mehr akademisch eingestellten Künstlerschaft begegnete ihm mit verstärktem Mißtrauen, und Nolde blieb bis zuletzt ausgeschlossen aus dem "Deutschen Künstlerbund". Demgegenüber verdient es angemerkt zu werden, daß gerade unter den Besten der jüngeren Generation, von Paul Klee bis Ernst Wilhelm Nay, die Bewunderung für Noldes Pionierleistung, für seine menschliche und künstlerische Größe lebendig blieb. Die "Richtungen" in der Kunst wechseln – und das ist gut so –, Meisterschaft bleibt bestehen. Emil Noldes Kunst gehört zu unserem gesicherten Besitz. Carl Georg Heise