Wer sich heute erkundigt, was es zehn Jahre nach dem blanken Nichts wieder an planmäßig edierten und für jedermann erreichbaren „Bibliotheken humanistischer Bildung“ gibt, wird staunend feststellen, daß sich nicht weniger als deren sechs im Aufbau und Ausbau befinden: Kröners Taschenausgaben, die Sammlung Dalp, die Erasmus Bibliothek, Die Universität, die Tusculum Bücherei und die Sammlung Dieterich. Rechnet man noch die höchst reizvolle Manesse Bibliothek der Weltliteratur hinzu, so sind es gar sieben – immer noch ohne Reclams altberühmte Universalbibliothek und die Sammlung Göschen. Göschen und Dalp befassen sich auch mit Naturwissenschaften und Technik; „Die Universität“, Dalp und Erasmus bieten vorwiegend Darstellungen, während nur die Tusculum Bücherei reine Quellenwerke pflegt. Mit den Geisteswissenschaften und schönen Künsten, in ausgewogener Mischung von klassischen Quellenwerken und Darstellungen, halten es die beiden Unternehmen von Kröners Taschenausgaben und der Sammlung Dieterich.

Die Sammlung Dieterich hat von allen genannten Unternehmungen den unruhigsten Weg hinter sich. Sie wurde 1937, am Vorabend des zweiten Weltkriegs, von Dr. Wilhelm Klemm und Dr. Rudolf Marx unter dem Namen der alten Göttinger Verlagsbuchhandlung, die einst die Originalschriften Lichtenbergs herausgebracht hatte, in Leipzig gegründet. Nachdem in rascher Folge eine imponierende Anzahl von Bänden erschienen war, geriet sie in den Strudel der Kriegs- und Nachkriegswirren, die den Panzerfäusten und Kartoffelsäcken holder waren als den Homer- und Vergil-Ausgaben der Sammlung Dieterich. Zweigeteilt wie unser Land und Volk mühte sich der Verlag in Leipzig und Wiesbaden durch die nächsten Jahre. Dann nahm im Sommer 1955 der wirtschaftlich starke Carl Schünemann Verlag in Bremen die gefährdeten Bestände und alle Pläne in seine Obhut.

Ein großes Unterfangen! Was wurde seither verwirklicht? Insgesamt 40 Bände der früher annähernd 200 Nummern umfassenden Sammlung sind wieder erschienen, darunter einige nach dem Krieg neu entstandene. Wer die dichterische Nachschöpfung der unvergänglichen antiken Epen liebt, kann wieder Homers „Ilias“ und „Odyssee“, Vergib „Aeneis“, „Die Kyprien“, Apollonios Rhodios’ „Argonauten“, Nonnos’ „Dionysiaka“ sowie die „Metamorphosen“ des Ovid, alle in Thassilo vonScheffers bekannter blumenreicher Übersetzung, erwerben. Das bleibend fruchtbare Erbe der Antike ist bei Dieterich ferner bewahrt in den „Tragödien und Fragmenten“ des Aischylos, im „Trost der Philosophie“ des Boethius, in Caesars „Gallischem Krieg“ (heuer, im zweitausendsten Jahr nach Caesars Tod sei diese lehrreiche, zuverlässig kommentierte und eingeleitete Gesamtausgabe zur Lektüre besonders empfohlen), in Tacitus’ „Germania“ (zweisprachig), einem „Seneca-Brevier“ und den von Horst Rüdiger kongenial übersetzten und klug kommentierten „Charakteren“ des Theophrast; noch für dieses Jahr ist eines der bedeutendsten Geschichtswerke des Altertums, „Der Peloponnesische Krieg“ des Thukydides, in Aussicht gestellt.

Verstreut stehen am Bildungshimmel dieser Sammlung noch die anderen Sterne: der Dichtung, bildenden Kunst, Philosophie, Epistolographie, Theologie, Pädagogik, Staatslehre und Jurisprudenz. Erwähnt seien Goethes „Faust und Urfaust“ und der „Westöstliche Divan“ in den von früher bekannten, von Ernst Beutler besorgten Ausgaben; die vier Briefsammlungen deutscher Klassiker und Romantiker, des alten Frankreich und der Musiker von Bach bis Richard Strauß; Friedrich des Großen Gespräche mit Catt; eine umfangreiche Sammlung deutscher Gedichte; Kierkegaards „Entweder – Oder“; Pascals „Gedanken“; die „Essays“ von Bacon; zwei Bände „Französische Moralisten“; die mit Recht berühmte „Griechische Philosophie“ von Kranz; Wilhelm Waetzolds „Italienische Kunstwerke“ im deutenden Urteil großer Künstler und Kenner wie Vasari, Goethe, Shelley u. a. (die ausgewählten Texte sind ein wohltuendes Beispiel dafür, wie eindrucksvoll und erleuchtend einfache Worte und Sätze wirken) und schließlich – wohl unvermeidbar in heutiger Zeit –: zwei Wörterbücher, ein juristisches und ein musikalisches.

Unvermeidbar sind seit der Kurzatmigkeit und der Gartenlaubenidylle des späten 19. Jahrhunderts auch die Anthologien, die Blütenlesen und „Breviere“. Es gibt davon in der Sammlung Dieterich gelungene Exemplare und wenigstens eines, das man missen könnte. Zu den sehr gelungenen zählen „Die Erziehung“ des Hamburger Professors für Pädagogik Wilhelm Flitner und das von Ludwig Reiners sorgfältig zusammengestellte und liebevoll kommentierte Bändchen „Fontane oder: Die Kunst, zu leben“. Die Sammlung von Aussprüchen und Äußerungen sogenannter „großer“ Staatsmänner und Politiker über den Staat, besorgt von dem Bonner Staatsrechtslehrer Walter Schätzel, ist weniger zu schätzen. Im Prospekt des Verlags heißt es mit kluger Vorsicht, die Auswahl reiche von „Plato bis Nehru“. Nehru sucht man vergebens, statt dessen schließt das Buch fataler-, aber erhellenderweise mit Stalin, jenem Stalin, dem soeben von seinen Spießgesellen der Ruf historischer Größe einigermaßen ruiniert wurde. (Seien wir gerecht: wie sollte ein Bonner Professor das ahnen? Wir waren auch nicht darauf gefaßt.) Selten sind Professoren ungestraft unter die Propheten gegangen. Welches Orakel hat Herrn Schätze! geweissagt, daß außer Stalin auch Hitler und Mussolini vor der Geschichte als „große Staatsmänner“ bestehen werden? Ebenso verstimmen die ersten 40 Seiten mit dem in deutscher Gelehrtenprovinz frank und frei „nachgeschöpften platonischen Dialog zu dritt“ zwischen „Ostmann, Westerling und Beidernich“, Hätte Plato solche Dialoge geschrieben, sans doute, sie wären nicht auf uns gekommen.

Aber das sind bloße Ärgerlichkeiten, gemessen an der Gesamtaufgabe. Dem Schünemann Verlag gebührt der Dank all derer, die noch um den Wert humanistischer Bildung wissen, und all der anderen, die aus dem unbewußten Erinnerungsgut einer zweitausendjährigen Tradition auf der Suche nach den menschenbildenden Dokumenten sind. h. s.