„Die allgemeine Wehrpflicht ist der Krebsschaden der Zivilisation.“ B. H. Liddell Hart

Es scheint, daß die Argumente für die allgemeine Wehrpflicht in der öffentlichen Debatte das Rennen machen, genauso wie die Schildkröte in Zenons berühmtem Gleichnis das Rennen gegen Achilles macht. Bei der Schildkröte liegt das am Vorsprung (der zwar im Laufe des Wettrennens immer geringer wird, aber nie ganz verschwindet), bei der Wehrpflicht an den Vorurteilen. Der Augenschein sowohl bei der Schildkröte wie bei der Wehrpflicht sagt uns zwar das Gegenteil, aber die Überzeugungskraft des Augenscheins genügt offenbar nicht: sonst hätten die Völker schon nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs der allgemeinen Wehrpflicht den Rücken gekehrt. Sie produzierte Massenheere, die einander langsam zermürbten, aber nicht mehr „besiegen“ konnten. Es war, als ob zwei riesige Schilder gegeneinandergepreßt wurden und zwischen sich die Blüte ganzer Nationen zermalmten. Es gab nur Schilder, aber keine Schwerter. – Im zweiten Weltkrieg gab es dank des Fortschritts der Waffen wieder Schwerter: Panzer,Stukas,Fallschirmtruppen. Aber nur Spezialisten mit gründlicher Ausbildung wußten mit ihnen umzugehen. Die Millionen von Wehrpflichtigen Frankreichs, Belgiens und Hollands wurden von einer relativ kleinen Schar deutscher Spezialisten aus der Schule der Reichswehr besiegt. 30 000 Mann Luftlandetruppen und Panzerjäger, unterstützt von Stukas, besiegten 400 000 holländische Wehrpflichtige, und der 900 000 Mann starken belgischen Armee war das Rückgrat gebrochen, nachdem 500 (!) deutsche Fallschirmjäger das Fort Eben Emeal erobert hatten. In Frankreich war es genauso. Die fünf Millionen französischer Wehrpflichtiger konnten den ihnen zahlenmäßig weit unterlegenen Blitzkriegsoldaten Hitlers, die ja erst seit 1935 im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht ausgebildet wurden, nicht standhalten. Frankreich unterlag wie ein Mann, der nur einen Schild hat, gegen einen Mann, der auch ein Schwert hat. Die „schlechte Moral“ der französischen Truppen und das blinde Vertrauen der Franzosen auf die Maginot-Linie waren, wenn man will, zusätzliche Gründe der Niederlage, aber Gründe, welche unsere These „je fester der Glaube an die allgemeine Wehrpflicht, desto sicherer die Niederlage“, nur erhärten können. Denn die Moral einer Berufsarmee wäre eben besser und das Vertrauen auf die Maginot-Linie nicht so blind gewesen. Berufssoldaten sind von Natur eher geneigt, Schwert zu sein und nicht bloß Schild.

Aber warum sind die Militärs fast ausnahmslos Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht? Liddell Hart gibt auf diese Frage folgende Antwort: „Je größer die Armee, desto größer ist auch die Zahl höherer Befehlsposten und desto besser die Aussichten auf Beförderung... Es wäre unvernünftig, ihnen (den Offizieren) diese Förderung ihrer Interessen vorzuwerfen – denn sie handeln dabei nur nach den Gesetzen der menschlichen Natur –, aber wir müssen dieses unbewußte Motiv erkennen und mit ihm rechnen.“ Es ist gut, daß diese Worte von einem Offizier und hochangesehenen Militärschriftsteller stammen; einem Zivilisten hätte man sie vielleicht nicht verziehen. Andererseits ist es natürlich verständlich, daß viele Militärs die Wehrpflicht vorziehen. Bei der allgemeinen Wehrpflicht kann man, was das „Menschenmaterial“ betrifft, aus dem Vollen schöpfen, aber die Folge davon ist, daß die meisten Militärs zu sehr an die Zahl und zu wenig an den Kampfwert einer Truppe denken. – Jedes Schulkind weiß, daß es unsinnig ist, von der Gefährlichkeit von 500 „Tieren“ zu sprechen, wenn man nicht hinzufügt, ob es sich dabei um Löwen oder Schafe handelt. Den Wert eines Wehrbeitrags in „Soldaten“ zu messen, scheint vielen Bonner Sachverständigen aber durchaus nicht unsinnig zu sein. Eine brauchbare Formel für die Errechnung des wirklichen Wehrpotentials einer Nation fehlt bisher, obwohl es gar nicht so schwer wäre, sie aufzustellen. Man braucht zum Beispiel nur Anzahl der Soldaten, Dauer und Intensität der Ausbildung und Feuerkraft miteinander zu multiplizieren, um eine Größe zu erhalten, die dem wirklichen Kampfwert einer Streitmacht sehr viel näher kommt, als die Kopfzahl der Soldaten. Das Schlimmste bei dem Denken in Kopfzahlen ist aber, daß es uns (wie den Franzosen 1939/40) ein falsches Gefühl der Sicherheit gibt: „Wir haben ja soundsoviele Millionen Soldaten, was kann uns da schon passieren?“

Welchen Wert aber haben Millionen von Reservisten, die mit den Waffen, auf die es in Zukunft vor allem ankommen wird: leichte Ein- oder Zweimanntanks, Düsenjäger, die mit Raketen starten und landen, nichts anzufangen wissen, weil ihre Ausbildungszeit zu kurz war und die – was noch weit schlimmer ist –, wenn der Krieg ausbricht, erst mobilisiert werden müssen! Fünf Divisionen am ersten Kriegstag sind mehr wert als fünfzig Divisionen am zehnten, und wo diese fünf Divisionen am ersten Kriegstag fehlen, kann es passieren, daß die Kapitulation vor der Mobilmachung kommt. Mobilmachung ist im Atomzeitalter ein vorsintflutlicher Begriff. Aber wie will man ohne sie Reservisten in Soldaten verwandeln?

In einem Berufsheer kann die Zahl der Soldaten sehr viel geringer sein, weil jeder wirklich zur Stelle ist, wenn man ihn braucht.

Es ist übrigens nicht zuletzt die Schuld der allgemeinen Wehrpflicht, daß der Soldatenberuf so sehr in Mißkredit geraten ist. Dabei muß diese negative Reaktion auf die Wehrpflicht nicht notwendig Feigheit sein. Hätten die Franzosen 1940 mit dem gleichen Todesmut gekämpft wie 1914, so wäre von ihrer nationalen Substanz wenig übriggeblieben. Der Mann, der sein Land vor diesem kollektiven Selbstmord bewahrte, war Marschall Petain, ein weiser alter Berufssoldat. Natürlich geben die Franzosen ungern zu, daß die eigentliche Ursache ihrer Niederlage von 1940 die allgemeine Wehrpflicht war. Schließlich ist die Idee der levée en masse, des „Volkes in Waffen“, eine französische Erfindung.

Die Franzosen haben im Grunde ihres Herzens die allgemeine Wehrpflicht schon längst satt und bekennen sich zu ihr nur aus Treue zu ihrer jakobinischen Überlieferung. Die allgemeine Wehrpflicht steht nun einmal in dem Ruf, „demokratischer“ zu sein als ein Berufsheer.

Sind die Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht wirklich so schlechte Psychologen, daß sie nicht begreifen, daß der deutsche Wehrwille eine schaffende Pause braucht, um die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit vergessen und neue Vorstellungen und Hoffnungen emporsteigen zu lassen? Es genügt nicht, daß sich die zukünftigen deutschen Soldaten mit dem Waffendienst abfinden, sie müssen sich – in ausreichender Zahl – für ihn begeistern können. Nur dann wird es möglich sein, Leistungen zu erzielen, die in der Situation, in der sich die Bundesrepublik befindet, den Aufwand der Wiederbewaffnung überhaupt lohnt. Gösta von Uexküll