Unreale Farbwerte, geheimnisvoll und im voraus

nicht bestimmbar, sind die Eigenart des Emails; nie weiß der Künstler, wie am Ende der Gegenstand aussehen wird, den er dem Brennofen übergab. In dieser Überraschung liegt ein besonderer Reiz; denn hier ist jedes Stück von einmaliger Individualität und läßt sich nicht wiederholen. Beim Email gehen Kunst und Handwerk noch ganz zusammen, und doch wird ein Grad von Unwirklichkeit erreicht, die sich weit über jede Art von Dekor erhebt und als künstlerischer Ausdruck unvergleichbar für sich steht. Was einst aus dem Orient kam, bei uns in der Zeit der Gotik eine in des Wortes wahrer Bedeutung „eigentümliche“ Vollendung, hernach in der Emailmalerei von Limoges eine neue Variante erfuhr: die „Kunst des Email“, erlebte in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance.

Davon zeugt eine mehr denn 200 verschiedene Stücke umfassende Ausstellung, die von der „Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V.“ und dem Hofjuwelier H. J. Wilm in Hamburg veranstaltet wird und nach ihrem Debüt in der Hansestadt Anfang Mai weiterwandern wird nach Düsseldorf, Stuttgart und Frankfurt. Gegenüber der ersten, vor einigen Jahren gezeigten Email-Schau läßt die jetzige Ausstellung eine immer größere Hinwendung zum Emailbild erkennen; wohl gibt es noch den Korpusgegenstand als Schale, Becher, Vase, deren Stil von der nationalen Eigenart des Künstlers mitbestimmt wird, doch tritt daneben das flächige Emailbild stark in den Vordergrund.

Dabei werden ganz neuartige malerische Wirkungen erzielt, die wohl gelegentlich an Konzeptionen von Marèes, Van Gogh oder Matisse erinnern, aber Zugleich, jeder Nachahmung fern, ihre Wirkung allein von der besonderen Leuchtkraft des Email beziehen. Die Sammlung des im Vorjahre verstorbenen Albert Weber in Genf hat einige ihrer bedeutendsten Stücke solch bildhafter Emailarbeiten beigesteuert: es seien nur die figürlichen Darstellungen von Jean Serrière und Genevieve Martineau-Dausset als zwei Pariser Emailkünstlern genannt, dazu die eindrucksvollen Arbeiten von Reinhold Ewald (Hanau) und Josef Pöhlmann (Nürnberg), die sich in deutschem Besitz befinden.

Aus zahlreichen Sammlungen und Ateliers sind diese durchweg neuen Arbeiten europäisches Emailkünstler zusammengetragen: aus Norwegen, Holland, Schweden, Frankreich und Deutschland. Überwiegen in der Sammlung Weber die Franzosen, so dominieren jedoch insgesamt die deutschen Künstler an Zahl; einer unter ihnen mag abschließend besonders hervorgehoben werden: Johann Michael Wilm in München (der Bruder des als Plastiksammler berühmten Hubert Wilm), dessen miniaturhafte Heiligenbilder von einmaligem Reiz sind. c.o.f.