Welche Antwort wird der Parlamentarische Sekretär für die britische Admiralität, Mr. G. R. Ward, im Unterhaus auf die Anfrage des Labour-Abgeordneten John Dugdale geben, der über die näheren Umstände des Verschwindens von Commander Lionel Crabb unterrichtet zu werden wünscht? Der Anfrage, die Mr. Ward am 9. Mai beantworten will, liegt folgender Tatbestand zugrunde:

Der 46jährige, aus dem aktiven Dienst der Royal Navy ausgeschiedene Commander Lionel Crabb war im zweiten Weltkrieg einer der ersten gewesen, der sich zum Kampfschwimmer hatte ausbilden lassen. Seither galt Crabb als „Englands bester Froschmann“. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst wurde er zur Erprobung neuer Geräte für Kampfschwimmer und – wie es scheint – von der Admiralität zur Durchführung von Sonderaufgaben herangezogen.

Crabbs Arbeitskollegen in der Londoner Firma, in der er nach seiner Verabschiedung tätig war, wußten von dieser „Nebenbeschäftigung“, zumal Crabb nie einen Hehl daraus machte, wenn er „mal wieder zum Schwimmen ging“. Sie hatten sich nicht gewundert, als Crabb im Juni 1953 längere Zeit dem Büro fernblieb. Es war gerade die Zeit der großen Flottenparade auf der Reede von Spithead bei Portsmouth, die zur Krönungsfeier der Königin Elizabeth stattfand und an der neben zweihundert Einheiten der britischen Flotte auch Kriegsschiffe von 16 fremden Nationen teilnahmen, unter ihnen der modernste russische Kreuzer „Swerdlow“. Es war daher für Crabbs Kollegen auch nicht überraschend, daß er wenige Tage vor dem Eintreffen des russischen Kreuzers „Orschonikidse“, der – von den Zerstörern „Soverschennij“ und „Smotryaschi“ begleitet – Bulganin und Chruschtschow am 18. April zu ihrem Staatsbesuch nach Portsmouth bringen sollte, wieder einmal „zum Schwimmen ging“. Was sie jedoch sehr beunruhigte, war die Tatsache, daß Crabb, der sonst immer nach wenigen Tagen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, diesmal nicht wieder erschien.

Unter dem Druck von Veröffentlichungen in der Presse über das Verschwinden Crabbs gab die Admiralität schließlich am 29. April bekannt, Commander Crabb sei „von einem Probetauchen, das in Verbindung mit Erprobungen bestimmter Unterwassergeräte in der Stokes Bay im Gebiet des Hafens von Portsmouth stattgefunden hat, nicht zurückgekehrt“. In einer späteren Mitteilung bezeichnete die Admiralität als Datum des Unfalls den 19. April, also dem Tag nach dem Eintreffen der „Orschonikidse“ auf der Reede von Portsmouth.

Die Vermutung, der Unfall Crabbs könne mit der Anwesenheit der russischen Kriegsschiffe in Verbindung stehen, fand Nahrung durch eine Mitteilung, die der stellvertretende Marineattaché an der russischen Botschaft in London dem Marinekorrespondenten des Londoner Abendblattes Evening Standard auf dessen telephonische Anfrage machte. Danach hat ein Posten an Bord der „Orschonikidse“ am 19. April in der Nähe des Kreuzers einen „Froschmann“ gesehen, der für wenige Sekunden an die Oberfläche kam und dann wieder verschwand.

Nun sandte die Times einen ihrer Mitarbeiter zur russischen Botschaft, wo er weder eine Bestätigung noch ein Dementi erhielt. Ein Beamter der Botschaft erklärte nur kurz und bündig: „Commander Crabb war ein englischer und kein russischer Froschmann. Wir können nichts sagen. Es ist eine Angelegenheit Ihrer Admiralität.“

Ermittlungen der Times über die letzten Tage des Vermißten ergaben folgendes Bild: Am 16. oder 17. April nahm Commander Crabb in dem Sallyport Hotel in Portsmouth unter seinem Namen und unter Angabe seiner Londoner Adresse ein Zimmer. Bald darauf stieg ein offenbar mit Crabb befreundeter angeblicher „Mr. Smith“ in dem gleichen Hotel ab. Beide Herren verließen am 19. April in den frühen Morgenstunden das Hotel. Am Abend kehrte nur „Mr. Smith“ zurück, um seine und Mr. Crabbs Hotelrechnung zu bezahlen und das Gepäck abzuholen. Am Sonnabend, dem 21. April, erschien der Kriminalkommissar Lamport aus Portsmouth im Sallyport Hotel, um im Auftrage seines Chefs jene Seiten aus dem Hotelregister zu entfernen, die die Eintragungen über Crabb und „Smith“ enthielten. Nachdem Kommissar Lamport seinen Auftrag ausgeführt hatte, gab er der Hoteldirektion die Anweisung, nicht über die Angelegenheit zu sprechen.

Die Admiralitäten der verschiedenen Staaten werden aus dem „Fall Crabb“ – mag er zunächst auch ganz ungeklärt sein – die Lehre ziehen, daß es offenbar nicht mehr genügt, bei Besuchsfahrten ihrer Kriegsschiffe in fremden und eigenen Häfen Posten an Deck aufziehen zu lassen. Die Schiffe müssen vielmehr in Zukunft auch gegen unangemeldete und unerwünschte „Froschmänner“ geschützt werden. Vielleicht besaß der russische Kreuzer „Orschonikidse“ bereits eine derartige Melde- und Alarmanlage oder ein ständiges Wachkommando eigener „Froschmänner“, die sich außenbords begaben, sobald die Alarmsignale sie auf die Unterwasser-Gefechtsstationen riefen. Mit der Möglichkeit, daß Commander Crabb mitsamt seinem Geräte auf diese Weise den Russen in die Hände gefallen ist, muß solange gerechnet werden, als weder von ihm noch von seiner Ausrüstung etwas gefunden wird. K-r