II. Auf der Suche nach neuen Symbolen – Ein Ort, um zueinander zu finden – Große Aufgaben warten auf große Künstler

Von Siegfried Giedion

Der Zürcher Kunsthistoriker Giedion, dessen Buch über "Architektur und Gemeinschaft" demnächst in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie erscheint, untersuchte in dem Teil, den wir in der letzten Nummer abdruckten, die Möglichkeit zu einer Wiederbelebung der Architektur aus dem Geist der Gemeinschaft. Im nachfolgend Abgedruckten geht es um die architektonische Bewältigung des Problems, einen Kern für das Gemeinschaftsleben im Stadtzentrum zu schaffen, ein "core of the city", wie es heute von Fachleuten mit dem englischen Ausdruck bezeichnet wird.

Nur in Ausnahmefällen wird dem Künstler die Möglichkeit gegeben, an öffentlichen Aufgaben teilzunehmen. Als José Luis Sert im Auftrag der loyalen Regierung auf der Pariser Weltausstellung den spanischen Pavillon baute, holte er seine Freunde Alexander Calder, Juan Miro, Pablo Picasso heran. Dabei entstand "Guernica", das intensivste Historienbild seit Paolo Uccellos Reiterschlachten vom Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts. Unwillkürlich fällt einem dabei das tragische Wort des Malers Juan Gris ein: "Gib mir einen Zweig, an den ich mich lehnen darf, und ich will singen wie ein Vogel." Ist es wirklich soviel anders als um 1870, als sich Edouard Manet anbot, kostenlos die Markthallen, den "Bauch von Paris", an die Wände des Pariser Rathauses zu malen, was von den Gemeinderäten kategorisch verweigert wurde?

Wie ist es möglich, daß sich auf die Dauer eine Kunst entwickeln kann, die das Volk "befriedigt", wenn die schöpferischen Kräfte vom lebenden Körper unserer Zeit ferngehalten werden und höchstens der banalisierte Absud ihrer Erkenntnis Anklang findet? Aber sekundäre Talente, die das Werk der Stärkeren verdünnen und breitschlagen, sind unfähig, Symbole für die Gemeinschaft zu schaffen.

Die Forderung nach einem menschenwürdigen sozialen Leben für jedermann hat endlich nach einem Kampf von über einem Jahrhundert Anerkennung erlangt. Die Forderung, das emotionale Leben der Massen zu formen, existiert nicht oder wird als nebensächlich betrachtet und als politische Propaganda Spekulatoren und Agitatoren überlassen. Die Frage lautet: Kann das Gefühlsleben des common man erreicht werden?

Der Mann von der Straße, mit einem Jahrhundert von Surrogatkunst im Gemüt, kann vielleicht nicht plötzlich durch Symbole, wie sie in Malerei und Plastik heute entwickelt wurden, gewonnen werden. Aber jeder Reklamezeichner weiß, daß er das Publikum am stärksten packen kann, wenn er sich der Mittel und Methoden bedient, die in den Laboratorien der Maler entwickelt wurden.