Zu einer repräsentativen Monographie über Edwin Scharff

Als Edwin Scharff im Mai 1955 so jäh abberufen wurde, lag der Plan zu diesem Buch, das erstmals eine Gesamtdarstellung des Werkes dieses Bildhauers gibt, schon bis in Einzelheiten fest. Scharff hatte noch selber Auswahl und Anordnung der Abbildungen bestimmt, die nun als stumme Zeugen von einem Lebenswerk künden, das den auflösenden Tendenzen der Gegenwart widerstrebt und ob seiner Geschlossenheit und Klarheit wie ein unverrückbarer Halt inmitten des Zeitenflusses anmutet! Gerade weil sein Schaffen unbeeinflußt von der schnell wechselnden Mode des Tages blieb, birgt es die Fähigkeit zum Überdauern; dem beschämenden Mangel an offizieller Anerkennung aber, der Scharffs letzte Lebenszeit in Hamburg verdüsterte, tritt diese Monographie auf die überzeugendste Weise entgegen, indem sie so schlicht, wie der Künstler selber war, ganz einfach sein Werk spiegelt, es sozusagen aus sich selber sprechen läßt:

"Edwin Scharff", Monographie mit 136 Bildern und 14 Abbildungen im Textteil. – Einführung, Lebensdaten und Werkverzeichnis von Gottfried Seile Claassen-Verlag, Hamburg, 168 Seiten, 29,50 DM.

Was dem Betrachter der Bilder auffällt, ist die Tatsache, daß es bei Edwin Scharff keine chronologische Entwicklung im üblichen Sinne gegeben hat. Alles scheint von Anfang an "da" zu sein: jenes Insichberuhen der Figuren, die in ihrer Unbewegtheit stets einen "Zustand" wiedergeben, völlig unpathetisch sind und in ihrer statuarischen Gesetzmäßigkeit die Mitte zwischen Wirklichkeit und Abstrakten halten; diese aber bedeutet, wie Sello treffend bemerkt, für Scharff "nichts anderes, als Naturformen auf ihre plastischen Grundwerte zurückzuführen, den Gegenstand in eine Skulptur verwandeln".

Scharff war noch wirklich ein "Sculpteur", auch wenn er, besonders späterhin, des öfteren zu Bronze griff. Der Stein war es, der ihn von Anfang an reizte; es ist eine, von Sello widerlegte, allzu billige Behauptung, daß Scharffs Plastik malerischen Charakter habe, nur weil dieser Bildhauer zuvor, im Jünglingsalter sich zum Maler ausbilden wollte. Im Gegenteil: schon die frühen Bilder verraten nicht den Maler, sondern den Bildhauer.

Auch in seinen Porträtplastiken geht Scharff weit, über bloße psychologische Studie hinaus: er gibt die individuelle Charakterisierung ins Typische erhoben und bewahrt doch stets den Sinn für die Objektivität der geistigen Erscheinung und Einmaligkeit des Dargestellten. Wie lange sich der Künstler mit einem Thema beschäftigt hat, beweisen die verschiedenen Stufen, die schließlich zu dem Relief "Ruth und Boas" führten, das aus der biblischen Situation heraus eine menschliche Situation zwingend verdeutlicht.

Das Besondere an dieser Monographie über Edwin Scharff ist, daß sie nicht als ein "Schlußstein" wirkt, den man posthum unter das Werk des Künstlers gesetzt hat; vielmehr bedeutet dieses Buch überhaupt erst die Möglichkeit, Umfang und Vielfalt von Scharffs, auf Persönlichkeitswerten beruhendem Schaffen zu ermessen und seine Wirkung ins Zukünftige zu erahnen. – Die Ausstattung des Bandes ist rühmenswert.

Christian Otto Frenzel