j. p., Hamburg

Angenommen, es suchte jemand ein Beispiel für die nicht ganz seltene Ansicht, nach der die Bürokratie ihren Mitmenschen das Leben schwerer macht, als es sein muß – er brauchte nur vom Hamburger Zentralomnibusbahnhof (ZOB) nach Heimfeld am Rande der Harburger Haake zu fahren. Er besteigt dazu einen Omnibus der Bundesbahn, die alle Viertelstunde, auf die Sekunde pünktlich, vom ZOB abfahren. Sie tun dies jeweils zur vollen Stunde, um 11 Uhr zum Beispiel und danach um 11.15, 11.30 und 11.45 Uhr. Solche Abfahrtszeiten sind für den Reisenden sehr angenehm, weil leicht zu merken. Dafür bezahlt man in diesen Bussen aber auch den Fahrpreis für die zweite Klasse, im Gegensatz zu anderen Bussen der Bundesbahn, in denen man billiger fährt.

Man nimmt das in Kauf, weil die vom Hauptbahnhof nach Harburg verkehrenden Züge einen nicht bis zum Rathausplatz bringen können, wo man Anschluß an die nach Heimfeld fahrende Linie 42 der Straßenbahn hat. Auf diesen Anschluß aber kann man lange warten; denn, obwohl Bus- und Straßenbahnhaltestellen nur ein paar Schritte voneinander entfernt sind, ignoriert der Straßenbahnfahrplan die Ankunft des Bundesbahnbusses vollkommen. In der Regel kann man bei der Ankunft auf dem Rathausplatz die 42 gerade noch wegfahren sehen. Führe sie dort nur eine Minute später ab, könnte man sie bequem erreichen. Ja, wenn nun aber die Straßenbahner den Bus kommen sehen, dann warten sie doch? Nein, auch dann nicht, der Fahrplan erlaubt es nicht. Neulich fuhr der Bus hinter der 42 her, und als er sie an der Haltestelle Rathausplatz überholte, fragte eine Dame den Busschaffner, ob er nicht eben halten könne, ganz kurz nur. "Darf ich nicht", antwortete der Schaffner, "wenn das einer meldet, kann ich 100 DM zahlen." Und so fuhr der Bus um die Ecke. Zeit genug für die 42, den Reisenden davonzufahren, die verärgert auf die nächste Bahn warten mußten.

Diese Verärgerung richtet sich dann oft gegen den Schaffner der beiden in Hamburg konkurrierenden Verkehrsbetriebe Bundesbahn und Hochbahn Aktiengesellschaft (HHA) – sehr zu Unrecht; denn die Schaffner richten sich nur nach ihren Anweisungen, und die werden, genau wie die Fahrpläne, "da oben" gemacht, in den Büros der Direktionen der Bundesbahn und der HHA. "Auf den Bus können wir keine Rücksicht nehmen, der ist nicht von uns", erklärte ein Schaffner der Linie 42; dann aber, im weiteren Gespräch, er sehe auch nicht ein, warum man nicht auf den Bus warte, es sei der einzige Anschluß, auf den man Rücksicht zu nehmen hätte.

So gibt das Warten auf die 42 den Fahrgästen der Bundesbahn zehn Minuten bis eine Viertelstunde Gelegenheit, sich darüber klarzuwerden, daß man letztlich genauso schnell – oder besser genauso langsam – nach Heimfeld kommt, wenn man sich auf der Strecke Hamburg-Harburg der Straßenbahn statt der Bundesbahn bedient und dabei noch 40 Pfg. spart. Er hat aber, und das sollte besonders die Hochbahndirektion nicht übersehen, genausoviel Zeit zu der Überlegung, daß es doch möglich sein müßte, daß zwei verschiedene Verkehrsmittelbetriebe ihre Fahrpläne zum Wohle der Fahrgäste aufeinander abstimmen, statt ihre an sich völlig uninteressanten Konkurrenzkämpfe auf Zeit und Nerven jener Menschen auszutragen, denen allein sie ihre Existenzberechtigung verdanken.