Zu Sigmund Freuds 100. Geburtsag, dessen auch in unserer Zeitung gedacht wurde (siehe DIE ZEIT, Nr. 17), ist jetzt der Nachtrag eines Wiener Professors geliefert worden, der vielleicht bedingungslose Anhänger des großen Wiener Nervenarztes verärgern mag, der aber im Interesse exakter biographischer Forschung nicht unterdrückt werden sollte. Denn er ist nach unserer Meinung ein wichtiger Beitrag zur Kenntnis von der Persönlichkeit des großen Arztes:

Freud ist kein Zeuge in eigener Sache", rief dieser

Tage Josef Gicklhorn, als er im Hörsaal der 1. Wiener chirurgischen Universitätsklinik einen Vortrag hielt, der sich unter der bescheidenen Ankündigung "Über neue Dokumente zur Freudforschung" mehr verbarg als präsentierte. Das Thema, das er behandelte, waren die Jahre, in denen der Privatdozent Dr. Sigmund Freud an der Wiener Universität lehrte – oder, wie man bei dieser Gelegenheit erfuhr: nicht lehrte. Es ging darum, eine Legende zu zerstören, die sich durch einen großen Teil der Freudbiographie zieht: die Legende, daß die Wiener Universität Freud Prügel zwischen die Füße geworfen habe und er aus diesem Grunde hier nie zu wahrer Anerkennung gekommen sei. Was Gicklhorn in einer immensen Aktenarbeit zutage gefördert hat, ist geeignet, den Lebenslauf des jungen Doktor Freud in anderem Licht erscheinen zu lassen. Nicht umsonst sagte der Referent dieses Abends mit einer Spitze gegen die neue Freudbiographie von Jones: "Es ist unmöglich, von England aus die Biographie Freuds zu schreiben, ohne die wahren Quellen zu kennen."

Der Wiener Gelehrte hat eine wahrhaft gigantische Archivarbeit geleistet. Er hat nicht nur die alten Vorlesungsverzeichnisse und Senatsprotokolle aus dreieinhalb Jahrzehnten durchgeackert, sondern auch die Kollegbücher, aus denen hervorgeht, wer bei Freud inskribiert hatte und wer diese Studien über längere Zeit hin fortgesetzt hat. Das Ergebnis ist verblüffend: Freud hat während der längsten Zeit seiner Wiener Dozententätigkeit vor einer verschwindend kleinen Hörerzahl gelesen – es gab Semester mit drei oder fünf Hörern. Erst nach dem Krieg ist der plötzliche Durchbruch der Psychoanalyse zu merken, und ein breiterer Hörerstrom ergießt sich in die Hörsäle – wenn auch die wenigsten Interessenten tatsächlich Studenten der Medizin sind.

Es war wie eine Kette von Mißverständnissen – von Anfang an. 1885 habilitierte sich der junge Dr. Freud als Privatdozent. Die ersten Semester bringen nur wenige Hörer – nicht zuletzt deshalb, weil der Dozent zwischendurch immer wieder die Vorlesungen unterbricht, häufig auch nicht bis zum Semesterende durchliest. Seine Universitätstätigkeit wird erst wieder regelmäßiger, sobald er auf die Professur hinarbeitet.

Und hier liegt ein Kern des tragischen Mißverständnisses von den Quertreibereien der offiziellen Wissenschaft gegen Freud. Der akademische Senat schlägt dem Unterrichtsministerium für Freud und neun andere Dozenten die Ernennung zum besoldeten außerordentlichen Professor vor; das Ministerium setzt sich nachhaltig für ihn ein, aber die über das Budget wachende Statthalterei verweigert die Bewilligung der Mittel. So wird ihm schließlich der Titel des a.o. Professors verliehen, nicht aber die Besoldung. In den nächsten Jahren – von 1889 bis 1903 – liest Freud überhaupt nicht. Der Zwiespalt ist da. Im Lauf der Jahre richtet sich der vergrämte Gelehrte in seiner Wohnung in der Berggasse 19 jenes Institut ein, das in Studentenkreisen bald nur mehr "Freuds Privatuniversität" genannt wird. Hier wird die Aufbauarbeit der psychoanalytischen Schule geleistet.

Es kommt im Lauf der Jahre dazu, daß Freud den Eintritt in seinen Universitätshörsaal nur mehr gegen Vorweisung einer von ihm persönlich gezeichneten Visitenkarte gestattet. Wer bei ihm zu inskribieren wünscht, muß erst in der Berggasse überprüft werden, ehe er den Einlaßschein ausgehändigt erhält. Über Jahre und Jahrzehnte zieht sich dieser Konflikt mit dem grollenden Gelehrten. Als ihn der akademische Senat 1919 zum ordentlichen Titularprofessor vorschlägt, ist der wärmste Befürworter sein angeblicher Gegenspieler Wagner-Jauregg, der aus diesem Anlaß das ironische Wort spricht, für einen Mann, der nun seit zwei Jahrzehnten als außerordentlicher Professor lehre, sei diese Ernennung wahrlich "keineswegs übereilt". Ein Jahr nach erfolgter Ernennung zieht sich der Schöpfer der Psychoanalyse auf immer von der Universität zurück – in sein Privatinstitut in der Berggasse.

Es mutet grotesk an, heute die Stationen dieser von einem Unstern überschatteten Lehrtätigkeit an Hand eines erdrückenden Materials nachzukonstruieren. Das Maximum erreichte Freud an der Universität mit 40 Hörern. Nicht selten gab es Schwierigkeiten wegen der angekündigten und nicht zu Ende geführten Vorlesungen. In den Akten sind Studenten verzeichnet, denen ein Semester nicht angerechnet wurde, weil sie infolge der nachträglichen Absage Freuds ihre Minimalstundenzahl nicht erreichten. Mitunter forderten Hörer sogar ihr Kollegiengeld zurück. Die Universität verweigerte dies. Wenn aber die Studenten deshalb bei Freud persönlich vorsprachen, griff er höchstpersönlich in die Brieftasche und zahlte ihnen den Betrag zurück. Es war, als türme er elbst die Schwierigkeiten vor seiner akademischen Laufbahn auf, als verhindere sein Unbewußtes einen Erfolg, den man ihm durchaus möglich machen wollte. – Die Forschungen Gicklhorns aber beweisen, was man schon vermutete: Mit Jones Freud-Buch ist die authentische Biographie noch nicht geschrieben. o. f. b.