Herr Kormoran galt als ein stiller, bescheidener Mensch, dessen Tun und Lassen niemand auffiel. Er erfreute sich lange Jahre dieser Nichtbeachtung durch seine Mitmenschen in so ungetrübter Weise, daß es ihm gelang, einen stillen, bescheidenen Betrieb aufzubauen und geräuschlos zu erweitern, ohne daß jemand daran etwas Bemerkenswertes gefunden hätte. Er heiratete eine Frau, die sich sehr einfach trug, aber jedermann gab zu, daß es ein wahrer Segen sein mußte, sie als Gefährtin zu haben. Herr Kormoran war mit vierzig Jahren wohlhabend, doch seine Umwelt wußte über seine Vermögensverhältnisse nicht Bescheid und fand an seinem Wohlstand nichts auszusetzen.

Dieser selbe Herr Kormoran pflegte mit dem Wagen in das Büro und zurück zu fahren. Als dieser Wagen einmal eine Panne hatte, sah er sich genötigt, den abendlichen Rückweg mit der Straßenbahn anzutreten. Er fand einen Platz, setzte sich und blickte sich unauffällig um.

Da sah er, daß ihm gegenüber Herr Roggenheim saß, und das nahm ihn wunder. Zwar trug Herr Roggenheim wie auch sonst immer den dunkelblauen Mantel und die noch etwas dunklere Pullmanmütze, und er schaute so treuherzig drein, wie es nur Buchhalter in stillen, bescheidenen Betrieben tun, die ganz erstaunliche Summen an die Steuer pünktlich abführen – aber Herr Kormoran erinnerte sich sehr genau, daß dieser besagte Roggenheim vor vier Jahren von einem Auto überfahren worden war und seither nicht mehr öffentlich aufzutreten pflegte; er entsann sich, daß er selbst ihn auf der Bahre liegen gesehen und später den Sarg mit den sterblichen Überresten auf den Friedhof begleitet hatte. Und so erschien es ihm höchst bedenklich, daß Roggenheim jetzt den Finger an die Mütze legte und grüßend sagte: "Guten Abend, Herr Kormoran!"

"Guten Abend!" erwiderte Kormoran, der trotz seiner unauffälligen Lebensweise nicht zu den Angsthasen gehörte und vor Jahren einen polizeibekannten Raufbold blutig geschlagen hatte, als ihn dieser bedrohlich anrempelte. Aber er konnte sich dennoch einer gewissen Verblüffung nicht erwehren und setzte sogleich hinzu: "Was führt Sie wieder in unsere Gegend, Teuerster?"

Gerade jetzt hielt die Straßenbahn programmgemäß an der Haltestelle, und der Platz neben Herrn Kormoran wurde frei. Auf eine einladende Handbewegung hin wechselte Roggenheim den Platz, setzte sich an Kormorans Seite und erwiderte auf dessen höfliche Frage, daß er von einer Probe im Stadttheater komme, wo er nun endlich ein Engagement erhalten habe. Dies sei, so fuhr er fort, während Herr Kormoran beim Schaffner seine Karte löste, ein alter Traum von ihm gewesen, dem er im Geheimen seit den jugendlichen Jahren leicht entzündbarer Begeisterung nachgehangen habe. Doch hätten ihn die leidlichen Bedürfnisse dieser unseligen Welt davon abgehalten, den Sprung auf die Bretter ernstlich zu wagen. Indessen suchte er in den Taschen seines Mantels nach der kleinen Münze, die ihm der Schaffner abverlangt hatte, doch blieb alles Wühlen ohne Erfolg, und Kormoran sah sich genötigt, für den ehemaligen Angestellten in die Bresche zu springen.

Je länger das Gespräch dauerte, desto merkwürdiger fühlte sich Kormoran von dem Vorfall berührt. Er kniff sich in den Arm, um festzustellen, daß er nicht träume, er rekapitulierte auch in Gedanken noch einmal die Panne, die er am Vormittag mit seinem Wagen erlitten, denn manche Mystiker vertreten, wie Kormoran wohl wußte, die These, daß der Mensch einen überraschend erlittenen Tod nicht merke und sich zu seiner größten Beunruhigung plötzlich in einer höchst wunderlichen jenseitigen Welt wiederfände, aber die Panne war wirklich nicht von Bedeutung und es war schlechterdings unmöglich, daß er dabei gestorben sein sollte. Herrn Roggenheim ebenfalls in den Arm zu kneifen, um sich auch von dessen Körperlichkeit zu überzeugen, unterließ Kormoran jedoch, da er sich über die Konsequenzen einer solchen Handlungsweise nicht klarwerden konnte. Nach Stück und Rolle im Stadttheater befragt, erwiderte Roggenheim nur ausweichend, er spiele wie jeder Schauspieler eine Figur, die er nicht wirklich sei, und in die er sich lediglich vorsichtig einzufühlen vermöge. So habe er auch den Namen gewechselt und spiele unter dem falschen Namen einen Glatzkopf; es sei daher nötig gewesen, sich die Haare schneiden zu lassen. Um nicht aufzufallen, trage er gegenwärtig eine Perücke. Roggenheim zupfte an seinen Haaren, um seinem ehemaligen Vorgesetzten zu demonstrieren, daß sie falsch waren, und er scheute sich auch nicht, eine der buschigen Augenbrauen zu lockern: sie erwiesen sich als angeklebt.

Da hielt die Straßenbahn von neuem und eines der mitfahrenden Kinder brach in einen lauten Jubelruf aus. "Ach, seht doch den schönen Engel!" rief es überschwenglich, und jetzt sah auch Herr Kormoran, daß auf dem Gehsteig ein Engel in einem schönen, langen, weißen Gewande stand und auf eine durchaus liebliche Art die goldenen Flügel bewegte.