Von Marion Gräfin Dönhoff

Bari, Mitte Mai

Wenn man um Mitternacht den Zug in Rom besteigt und nach Süden reist, trifft man am Morgen in Bari ein, der Hauptstadt Apuliens. Ich war einmal vor dem Krieg, von Afrika kommend, in dieser Gegend angelangt. Damals schien mir die erste Berührung mit diesem äußersten Zipfel Europas die ganz natürliche Fortsetzung des afrikanischen Kontinents zu sein: weite, einsame, unfruchtbare Ländereien, mit Buschwerk bestanden, zwischen dem Schafe wie Rudel von Wild weideten. Keines Menschen Hand oder Pflug hatte je diesen Boden bearbeitet, seit vor Jahrhunderten – genau wie in den arabischen Ländern – mit dem Waldbestand auch die Fruchtbarkeit verlorengegangen war. Und genau wir dort verdämmerte hier eine Generation nach der anderen in ständig wachsendem Elend.

Kaum erkannte ich diesmal Bari wieder! Ein neuer Stadtteil mit riesigen, nicht eben schönen, doch monumentalen Bauten zieht sich in elegantem Bogen um den Hafen. Architektur des Faschismus.

"Da scheint denn also Mussolini doch viel für Apulien getan zu haben?"

Der Italiener, der mich begleitete, gab die Antwort, die ich in den nächsten Tagen immer wieder hören sollte: "Nein, Mussolini hat immer nur an Afrika gedacht – er war ein Imperialist; für uns hat er sehr wenig getan." Und weiter: "Bari ist nur aufgebaut worden, weil der Minister für öffentliche Arbeiten in Mussolinis Regierung aus Bari stammte – das war die einzige Chance, die wir in all den Jahren hatten."

Tatsächlich trägt Süditalien, der Mezzogiorno – der "halbe Tag" – auch heute noch alle Anzeichen eines "unterentwickelten Gebietes". Und doch ist vieles geschehen. Sieht man sich die Statistik für 1950 an, so zeigt sich, daß mehr als die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebte, in der Provinz Molise sogar 80 v. H. Man lebte sehr kümmerlich. Das Einkommen pro Kopf der Bevölkerung war nur halb so hoch wie im Norden Italiens – der Lebensstandard erschreckend. niedrig: unzulängliche Wohnungen, unzureichende Kleidung, geringer Konsum, hoher Prozentsatz von Analphabetismus (bis zu 60 v. H.).