Mit Beginn dieses Monats hat die Regierung der Sowjetzone ein "Gesetz über Devisenverkehr und Devisenkontrolle" in Kraft gesetzt, wie es unter gesitteten Wirtschaftspartnern – gelinde gesagt nicht üblich ist. Liest man in gutem Glauben das Gesetz und die ersten acht Durchführungsbestimmungen, so könnte man zu der Überzeugung kommen, daß es nirgends und zu keiner Zeit eine bessere Währung als die "Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" in Ostberlin gegeben hat. Denn nur ein solches Juwel von Geld verdiente es, derart vor dem raffgierigen Zugriff der "internationalen Finanzhyänen" – um im Jargon der sogenannten Arbeiter- und Bauernmacht zu bleiben – geschützt zu werden. Versucht man, dieses umfangreiche Gesetzeswerk, dessen Geist bereits Besucher der Leipziger Messe aus dem westlichen Ausland zu spüren bekommen haben, auf einen Generalnenner zu bringen, so lautet er etwa: Was vom "kapitalistischen" Ausland kommt, ist so abgrundtief verworfen und wertlos, daß es nur noch in den Händen kommunistischer Finanzexperten einen schwachen Schein von Ehrbarkeit erhält. Dagegen ist das eigene Geld viel zu schade, als daß es jenseits der volksdemokratischen Grenzen umlaufen dürfte.

So darf der Ausländer beim Betreten des gelobten Landes zwar seine Dollars, Pfunde, Franken oder sonstigen Devisen in jeder gewünschten Menge in Ostmark umwechseln, und dies zu einem Kurs, der die Verachtung der "Kapitalisten" in beredte Zahlen kleidet; er darf aber die nicht ausgegebenen Ostmarkbeträge bei der Ausreise nicht zurückwechseln, sondern muß sie auf einem "Devisenausländerkonto" dort lassen. Verfügen darf er darüber ebensowenig wie über etwaige Einkünfte aus rechtmäßigem Besitz in der Sowjetzone. Auch sie haben sich auf einem Ausländerkonto zur beinahe ewigen Ruhe zu begeben und dürfen nur für ganz bestimmte persönliche Bedürfnisse verwendet werden, sofern die roten "Arbeiter und Bauern" sie nicht schon für angebliche Steuern und ähnliche Tribute völlig verbraucht haben.

Wer sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ohne tiefschürfende weltanschauliche Studien damit beschäftigt hat, die Praktiken des internationalen Kommunismus auch auf wirtschaftlichem Gebiet aufmerksam zu beobachten, findet kaum mehr Anlaß zum Staunen über derart unverhohlene Erpressung und Piraterie. Verwunderlich will es nur erscheinen, daß trotz der weitverbreiteten Kenntnis dieser Methoden und der hohnlächelnden Diskriminierung freier Staaten und Völker an mancherlei Orten der Hang zum Handel mit dem Osten unwiderstehlich zu sein scheint. Um so erfreulicher klingen eindeutige Bekenntnisse, wie man sie von Delegationsmitgliedern des Vancouver Board of Trade", einer freien Vereinigung von Industriellen und Kaufleuten aus der kanadischen Hauptstadt, hören konnte, die zur Zeit aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln eine ausgedehnte Informations- und Geschäftsreise durch die Bundesrepublik und Westberlin unternehmen. Auf die Frage, ob sich in Kanada die Konkurrenz der Sowjetzone gegenüber der Bundesrepublik bemerkbar mache und ob man dort zwischen dem Westen Deutschlands und der sowjetischen Volksdemokratie zu unterscheiden wisse, kam die lapidare Antwort aus berufenem Munde: Wir denken nicht daran, mit den Kommunisten Geschäfte zu machen, wir kennen die Unterschiede zwischen Ost und West sehr genau, und angesichts unserer kalten Schulter bleiben wir auch von allen volksdemokratischen Anbiederungsversuchen verschont – wenn man einmal von den sehr spärlichen Bemühungen der Sowjetzone und der übrigen Satellitenstaaten absieht, über ihre eigene oder die sowjetische diplomatische Vertretung Prospektmaterial zu verteilen.

Dem Vernehmen nach soll Kanada nicht gerade ein Land sein, das unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Ruin steht. Und das ohne die "Hilfe" der Roten. Sollte das nicht manchen Handelsbeflissenen zu denken geben, die den roten Piraten nachlaufen... ? Georg Gnieser