Die nichtkommunistische Welt hat die sowjetischen Zwangs-, Straf- und Todeslager bisher zu sehr unter dem Gesichtswinkel Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesehen und zu wenig unter dem Gesichtswinkel der Unvernunft. Darum weiß sie nicht recht, was sie mit der Nachricht von der Abschaffung dieser Lager, die jetzt aus Moskau an ihre ungläubigen Ohren dringt, anfangen soll. Sie fragt erstaunt und perplex, sind die Sowjets etwa menschlicher geworden? Ob sie es geworden sind oder nicht – immerhin sind Genickschüsse unter dem Kollektiv seltener geworden –, wollen wir hier nicht erörtern. Nur darauf soll hingewiesen werden, daß die alte Wahrheit: Verbrechen sind in der Regel auch Dummheiten, auch auf das Verbrechen der sowjetischen Zwangsarbeit anwendbar ist. Rein wirtschaftlich hat sich nämlich die Zwangsarbeit – so erstaunlich das klingen mag – nicht gelohnt. Das gilt natürlich mit der Einschränkung, daß in Gegenden, in die kein russischer Arbeiter freiwillig seinen Fuß setzen würde, Zwangsarbeit wirtschaftlicher ist als gar keine Arbeit. Aber in sehr vielen Fällen waren die klimatischen Bedingungen gar nicht so, daß ein freier Arbeiter bei normalem Lohn und erträglicher Unterbringung – sowjetische Arbeiter sind nicht verwöhnt – sie nicht hingenommen hätte. Da ein freier Arbeiter aber unendlich viel produktiver ist als ein Sträfling (manche Sowjetbetriebe haben ausgerechnet, daß ein freier Arbeiter soviel leistet wie zehn Sträflinge!), waren viele sowjetische Wirtschaftsfachleute schon lange der Ansicht, man solle das Zwangsarbeitssystem abschaffen. Der neue Fünfjahresplan kann nur erfüllt werden, wenn die vorhandenen und keineswegs unerschöpflichen Arbeitsreserven voll ausgenutzt und ökonomisch eingesetzt werden. G