Mit dem folgenden Beitrag beenden wir unsere Reihe deutscher Dirigentenporträts. Sie sollte und konnte nur eine Auswahl sein. Deutlich geworden ist der Riß, der durch das Musikleben der Gegenwart geht. Im gleichen Maße, wie sich der schaffende Musiker zurückgedrängt sieht in Konventikel und Sonderveranstaltungen, steigen die Interpreten, die Dirigenten, diese Halbgötter eines Massenbedürfnisses nach Helden und Heldenverehrung. Der Pultstar selbst sieht sich vor die Frage gestellt: Geltung und Gelderwerb durch ein schweifendes Leben oder Dienst an der Musik und ihren örtlich verwurzelten Organen?

Leopold Ludwig ist jüngst in jene Öffentlichkeitszone vorgedrungen, die den Namen eines Dirigenten wirksamer bekanntmacht, als seine musikalischen Leistungen. Weil eine vertraglich mögliche Nebentätigkeit als reisender Gastdirigent im Hamburger Stadtparlament kritisiert worden war, hatte Ludwig demonstrativ seinen Rücktritt als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper erklärt. Diese Geste war von vornherein fiktiv. Denn Verträge sind zweiseitige Verpflichtungen; ein „Rücktritt“ vor der Zeit konnte nichts anderes als eine öffentlich vorgetragene Bitte sein, persönliche Gekränktheit auf der anderen Seite anzuerkennen. Nach langem Zögern bestätigte der Aufsichtsrat der Oper durch eine Vertrauenserklärung den bestehenden Vertrag. Für den Dirigenten aber war dieses sachlich bedeutungslose Intermezzo der bisher stärkste Gewinn an persönlicher Publicity in Deutschland.

Seit 1951 ist Leopold Ludwig Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Gemessen am Rang des Instituts bedeutet die Funktion eine deutsche Spitzenstellung. Zwar tragen den Titel „Generalmusikdirektor“ nicht weniger als zwei Herren, die amtlich das Philharmonische und Staatsorchester der Hansestadt dirigieren. In seiner tatsächlichen Stellung als musikalischer Oberleiter der Oper kann Ludwig jedoch unangefochten beanspruchen, daß er und nicht Joseph Keilberth den Wagnerschen „Ring des Nibelungen“ leitet; denn an der Hamburger Oper ist Keilberth nur Gastdirigent, obwohl er sich als „Ring“-Dirigent seit Jahren auf dem deutschen Weltpodium Bayreuth qualifiziert hat. Dank seines Amtes konnte Ludwig bei einem Gesamtgastspiel der Hamburgischen Staatsoper in Edinburgh auch so dankbare Dirigentengelegenheiten wahrnehmen, wie „Fidelio“ und „Meistersinger“, „Rosenkavalier“ und Hindemiths „Mathis der Maler“ – vor einem internationalen Kennerpublikum wahrhaft glanzvolle Aufgaben. Auch 1956 stellt die Hamburger Oper ihrem Generalmusikdirektor Edinburgh wieder als festliche Plattform zur Verfügung. Doch in den unruhigen Dezembertagen 1955, als Günther Rennert seinen zweijährigen Urlaub als Intendant durchsetzen wollte, da galt dem ersten Dirigenten des Hauses die Frage, ob er wohl interimistisch die Leitung des Instituts übernehmen würde, als absurde Zumutung. Ludwig hätte seine Karriere als international reisender Kapellmeister einschränken müssen.

Im selben Jahr wie Karajan und Keilberth, 1908, geboren, sieht sich Leopold Ludwig heute zu forcierter Emsigkeit gedrängt. Aus dem böhmischmährischen Musikantenlande stammend (Ludwigs Geburtsdorf heißt Witkowitz), fand der junge, in Wien ausgebildete Dirigent schnelle Anerkennung an sudetendeutschen Bühnen. Vom Operndirektor in Troppau sprang der Achtundzwanzigjährige als Generalmusikdirektor nach Oldenburg. Wieder drei Jahre später war er von 1939 bis 1943 erster Kapellmeister an der Wiener Staatsoper. Von dort holte ihn Hans Schmidt-Isserstedt, als dieser die musikalische Leitung des Deutschen Opernhauses übernahm, bis zur Theaterschließung 1944 auf ein Jahr nach Berlin. Dort geriet Ludwig in die Nachkriegswirren. In mehr oder weniger fester Bindung überstand er sie an den Ost- und Westberliner Opernhäusern, bis 1951 Hamburg ihm das Sprungbrett in die Internationalität eröffnete.

Begegnet man ihm in der Nähe seines Heims auf der Straße, dann tritt vor diesem Fußgänger der Autofahrer unwillkürlich auf die Bremse. Der abwesende Herr scheint die Straße im Traum zu überqueren. Die Hände in den Manteltaschen vergraben, dirigiert er memorierend sein nächstes Konzert. In der Oper hatte Ludwig seine größte Chance bisher bei der weithin, sichtbaren Eröffnung des Hamburger Opernhausneubaues. Ernst Krenek hätte sich keinen aufmerksameren, technisch versierteren und auf Ausdruck bedachteren Interpreten für seine Uraufführung „Pallas Athene weint“ wünschen können. Nach der Mozartschen „Zauberflöte“ bedeutete Verdis „Aida“ mindestens für den Dirigenten einen persönlichen Höhepunkt. Temperament, sogar italienisches Brio und instrumentale Scharflinigkeit waren hervorragende Kennzeichen des Kapellmeisters. Mit dem Temperament versuchte Ludwig auch Richard Wagners „Fiegenden Holländer“ noch zu bewältigen. Jetzt offenbart aber die wachsende „Ring“-Einstudierung, daß gerade Richard Wagner an den Generalmusikdirektor einer in Deutschland führenden Opernbühne höhere Ansprüche stellt. Im „Rheingold“ wirkte Ludwig immer dann großartig, wenn er das Orchester als massiven Solisten einsetzen konnte. Aber der instrumentale Übergang vom einleitenden Orgelpunkt bis zum Einsatz der Rheintöchter? Und die breiten Spannungen der Erda-Musik? Überhaupt das Kammerkonzert der Mittelstimmen in der delikaten „Rheingold“-Partitur? Hier bietet das Institut seinem musikalischen Chef eine Gelegenheit, sich zu bewähren – in Zukunft.

Leopold Ludwig hat wenig Zeit auf seiner eiligen Reise zum Ruhm. Im Juni 1955 dirigierte er in Hamburg noch die „Salome“. Dann ging’s im Flugzeug nach Neapel – „um flugs im San-Carlo-Theater das Orchester zu führen“, heißt es bezeichnend in einem Ludwig-Interview – und „von Rom aus auf die große Flugreise“ über den Ozean nach Südamerika. In Buenos Aires Konzerterfolge, aber vier Tage ärgerlicher Aufenthalt durch Peron-Wirren. Dennoch, viermal in drei Monaten überflog der deutsche Dirigent die Cordilleren. In Santiago stellte Ludwig der Öffentlichkeit ein in Chile eben gegründetes Orchester vor. In Montevideo Konzert trotz Generalstreiks. Dann ging’s nach Venezuela. „Diese Urlaubstage hatte Ludwig in das Schnellprogramm einkalkuliert.“ Prächtig erholt, stellte er in Kolumbien eins der in Süd- und Mittelamerika aus dem Boden schießenden Orchester als erster vor. Bogotá macht Musik unter einem deutschen Gast, während es in der Stadt kriselt

Clemens Krauss hat mir einmal erklärt, warum er eine Zeitlang in Mexiko-City und anderen ihm unbekannten Orten dirigierte: „Die Leute zahlen zweitausend Dollar pro Abend und sind sensationslüstern auf europäische Namen.“ Während Clemens Krauss das sagte, wartete er sehnsüchtig darauf, daß er von den britischen Besatzungsbehörden die Erlaubnis bekäme, zum erstenmal nach dem Kriege wieder in Deutschland, in Düsseldorf zu dirigieren. Er war glücklich, als er heimkehren durfte aus der splendid isolation der Neuen und Neuesten Welt. Denn was bleibt von solchen Ausflügen? Dollars drüben, nach der Rückkehr eine Agenturmeldung über „Erfolge“ – hat schon einmal jemand keiren „Erfolg“ gehabt? – und günstigenfalls ein lokales Presseinterview. Lohnt das? Nizza, Catania, Tunis – „Hochzeiten“, auf denen Leopold Ludwig nach seiner Hamburger Opernhaus-Eröffnung in der laufenden Spielzeit „tanzte“ – diese Städte haben Orchester, von deren Qualität die Agenten nicht reden, wenn sie eine „Einladung“ vermitteln. Aber wenn ich Generalmusikdirektor der Hamburgisch Staatsoper wäre und soviel könnte wie Leopold Ludwig, ich würde mir die Orchester draußen ansuchen. Inzwischen aber, da es so viele lohnerde gar nicht gibt, würde ich alle Energie auf ein tadelloses „Rheingold“-Orchester verwenden. Es handelt sich zu Hause schließlich um Mucks und Keilberths Hamburger Philharmonie. Max Pahl