Die rund 400 000 bundesdeutschen Einzelhandelskaufleute, die 1955 etwa 47 Mrd. DM umsetzten und damit das Vorjahrsergebnis um 11 v. H. überschritten, werden für ihre diversen wirtschaftspolitischen Forderungen nicht auf die zwar noch kleinen, aber immerhin vorhandenen poujadistischen Barrikaden klettern. Das ist das Ergebnis der 8. Delegierten Versammlung der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels in Essen.

Die Einzelhändler lehnten die Unterstützung der von dem Kieler Kaufmann Friedrich Kock gegründeten "Union der Mitte" (Mitt’elstandspartei) ab. Der bayerische Vizepräsident der Hauptgemeinschaft, Krumbacher (München), sonst bekannt dafür, die Dinge zuweilen auf die Spitze zu treiben, erklärte offiziell, die Hauptgemeinschaft sei nicht bereit, die Gründung von Mittelstandsparteien zu unterstützen. Der Versuch, die mittelständischen Einzelhändler aus ihrer überkommenen Verbundenheit mit bestehenden Parteien zu lösen, ist also zunächst einmal fehlgeschlagen. Allerdings bemüht man sich, auch mit der SPD in ein Gespräch zu kommen, weil man glaubt, auch diese Partei für die Einzelhandels-Anliegen zu gewinnen.

Wenn in Essen die mancherorts befürchtete politische Radikalisierung des Einzelhandels nicht sichtbar wurde und die sanfte Rebellion der Unzufriedenen gegen bestehende Ungleichgewichte sich gewissermaßen nur im Saale abspielte, so soll man doch nicht glauben, daß damit die parteipolitischen Ambitionen draußen im Lande bereits endgültig erstickt seien. Die Gefahr, daß der Mittelstand alte politische Fehler wiederholen könnte, ist nur vertagt, nicht aber vollends beseitigt.

Den wirtschaftspolitischen Mittelpunkt der Essener Versammlung bildete der ebenso energische wie beifällig aufgenommene Hinweis von Präsident Schmitz (Godesberg), daß man sich mit dem Problem des Vordringens der Großbetriebe im Einzelhandel und dem Zurückbleiben der kleineren und mittleren Betriebe ernsthaft beschäftigen müsse. Schmitz schlug vor, die Großen sollten vor allem auch aus politischen Gründen sich selbst bescheiden. Die Rücksichtslosigkeit einiger besonders expansionsfreudiger Großer könne, wie Schmitz betonte, politische Kräfte freisetzen, die den Großen selbst eines Tages die Freude an ihrem expansiven Drang verderben könnten.

Aber auch der Staat soll hier mithelfen. Schmitz spielte auf die "Startgleichheit" zwischen Groß und Klein an und forderte eine Reihe von Steuer- und wettbewerbspolitischen Maßnahmen. Was aber heißt "Startgleichheit"? In Wirklichkeit geht es doch um eine vielleicht aus staatspolitischen Gründen sehr wünschenswerte Korrektur in der Einkommensverteilung. Ob und wie aber diese Korrektur in die derzeitige wirtschaftspolitische Landschaft paßt, darüber wurde in Essen leider nicht gesprochen. Dü.