Seit einigen Jahren gehört zu den imponierenden Anlagen der Messe die „Stahlstraße“, die in diesem Jahr wieder ein umfassendes Erzeugungsprogramm der Eisen- und Stahlindustrie zeigte. Schon im vorigen Jahr bildete für die Besucher des Messegeländes vom Nord- oder Nordwesteingang der 120 Meter hohe Mannesmann-Turm ein Wahrzeichen der Messe. Um ihn gruppierte sich in diesem Jahr ein noch erheblich erweiterter Stand der Firma. An vielen Rohrverbindungen wurde demonstriert, daß die konstruktive Verbindung von Rohren nicht schwerer ist als die allgemeiner Profile aus Stahl und Formstahl,

Zu den bemerkenswertesten Ausstellungsstücken einer anderen Ruhrstahl-Gesellschaft gehörte eine Stützwalze für ein Blechwalzwerk mit einem Gewicht von 24 000 kg und einem Durchmesser von 1,28 m. Ein noch schwererer Brocken ist der gezeigte Radkörper für ein Schiffsturbinengetriebe mit einem Durchmesser von 4 m und einem Gewicht von 29 t. Dreißig Tonnen wiegt das von einer anderen Stahlgesellschaft gezeigte Oberteil eines Kompressorgehäuses für einen Kompressor für 100 000 Kubikmeter in der Stunde. Gießereitechnisch waren bemerkenswert die zahlreichen komplizierten verrippten Innenräume und die teilweisen geringen Innenwandstärken bei den verhältnismäßig großen Abmessungen. Ein niedersächsisches Hüttenwerk zeigte aus seinem Fertigungsprogramm eine Grundplatte von 11 m Länge und 42 t Gewicht in Schweißkonstruktion, die für einen sechszylindrigen Schiffsdieselmotor von 8000 PS bestimmt ist. Weiter wurde ein Polrad ausgestellt für einen Großstromerzeuger mit dem imponierenden Durchmesser von fast 5 m und etwa 38 t Gewicht. Von besonderer Anziehungskraft war der Gulliver-Bohrmast einer Firma des gleichen Konzerns. Dieser Mast ist verwendbar für Erdölbohrungen bis zu der erstaunlichen Tiefe von 6000 m. Bei einer gesamten Höhe des Mastes von 41 m beträgt die Hakenlast maximal 250 t.

Der vor einem anderen Pavillon der „Stahlstraße“ gezeigte fünfflügelige Schiffspropeller hatte einen Durchmesser von 5,20 m und ein Gewicht von über 12 t. Eine andere namhafte Ruhr-Gesellschaft hatte in den Mittelpunkt ihrer Kuppelhalle einen einbaufertigen Walzensatz für ein neues Band-Quarto gestellt, wie er in dieser Größe noch nie auf Messen gezeigt worden ist. Das Gewicht einer Stützwalze beträgt etwa 22500 kg, das einer Arbeitswalze 2500 kg. Der Mantel der Stützwalzen hat einen Durchmesser von reichlich 12 m. Die in einer Sonderschau vorgestellten Halbzeuge aus Titan und Titanlegierungen waren zum Teil erheblich größer als die im letzten Jahr gezeigten.

Eine Stahlgesellschaft aus Dortmund stellte sich in einem neuen Pavillon vor, der – was typisch auch für andere Pavillons dieser Branche ist – in wesentlichen aus den Erzeugnissen der Gesellschaften dieses Konzerns errichtet wurde. Als tragende Wände dienen Stahlspundbohlen. Das Tragwerk des Daches mit seinem linsenförmigen Querschnitt besteht aus geschweißten Rohren mit einer Dachhaut aus kalt gewalzten Blechen. Auch die Hallendecke ist aus Stahlblechen hergestellt. Die mit Spiegelglas versehenen Fensterwände bestehen aus Rohren und Profilrohren sowie kalt gewalzten Profilen. – Ausschließlich Rohre und Profile aus der eigenen Fertigung hat auch eine andere Stahlgesellschaft als Bauteile für ihren Pavillon verwendet Hier sind die Außenwände vollständig aus Glas gestaltet und gestatten einen ungehinderten Blick durch die Ausstellungsräume.

Zur Lage der deutschen Eisen- und Stahlindustrie war in Hannover zu erfahren, daß auch im 1. Quartal 1956 bei den meisten Stahl- und Walzwerken die Bestellungseingänge höher waren als die Lieferungen, so daß die Auftragsbestände weiter zunahmen, aber in weit geringerem Ausmaß als im Vorjahr. Die Lieferfristen schwanken nach Objekt und Produkt zwischen sechs und zehn Monaten, wobei in Qualitäts- und Spezialerzeugnissen häufig weit längere Anfertigungszeiten gefordert werden. Es war weiter zu hören, daß der derzeitige Beschäftigungsstand der eisenschaffenden Industrie die Werke zuweilen auch zur Ablehnung von Aufträgen zwinge, damit die Lieferverpflichtungen nicht einen zu großen Umfang annähmen. Es seien gegenwärtig keinerlei Anzeichen für eine etwaige Abschwächung der Eisen- und Stahlkonjunktur erkennbar. Die Aufnahmefähigkeit des Inlandmarktes verspreche, sich im Laufe dieses Jahres auf der gegenwärtigen Höhe zu behaupten. Über die Verarbeiter wurde gesagt, daß sie teilweise über bedeutende Auslandsaufträge verfügten, zu deren Ausführung beträchtliche Eisen- und Stahlmengen gebraucht würden. Das unmittelbare Exportgeschäft in Eisen und Stahl, das in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres infolge der starken Beanspruchung durch das Inland etwas vernachlässigt worden sei, habe in den ersten Monaten dieses Jahres leicht gebessert werden können. Bemerkenswert ist, daß sich auch die Eisen- und Stahlindustrie in steigendem Maße zum Bezug von ausländischer (insbesondere amerikanischer) Kohle genötigt sieht. Im Hinblick auf die in diesem Jahr zu erwartende Produktionszunahme wird sogar mit erhöhten Bezügen fremder Kohle gerechnet. _g