Kalendarisch ist der Winter längst vorbei; klimatisch wird er immer noch einmal wieder rückfällig; kulturbetrieblich, spielzeitlich, saisonmäßig, oder wie man es sonst ausdrücken will, nähert er sich erst allmählich seinem Ausklang; der richtige Moment für Rückblick und Ausblick.

Wenn man sagen darf, daß München im Begriff ist, sich seinen früheren Ruf als europäische Kunststadt wieder zu erobern, so liegt das Verdienst darum bislang in der Hauptsache bei zwei Faktoren: der Initiative einzelner Persönlichkeiten, einzelner Kreise, und dem einstweilen noch immer vorhandenen guten Boden, das heißt: der Resonanzfreudigkeit des breiten Publikums, zumal in Sachen des Theaters und der Musik. Dem Staate wie den städtischen Behörden konnte dagegen der Vorwurf mangelnder Aktivität in der Ausnutzung dieser entschiedenen Pluspunkte nicht erspart bleiben. Um so hoffnungsvoller nimmt man zur Kenntnis, daß sich jedenfalls in der Stadtverwaltung etwas zu rühren beginnt: im Grundsatzprogramm der neuen Rathauskoalition heißt es unter Ziffer 6: "Die Kulturpolitik der Stadt wird intensiviert und verstärkt, um die besondere Stellung Münchens in der deutschen Kultur zu erhalten und zu vergrößern." Endlich wurde daher auch ein städtischer Kulturreferent bestellt – der bisherige Feuilletonchef des "Münchner Merkur" Dr. Herbert Hohenemser –, von dessen Sachkenntnis und zielbewußter Tatkraft das Beste zu erwarten ist. Daß der neugewählte zweite Bürgermeister Adolf Hieber von Beruf Musikalienhändler ist, bleibt unter dem Aspekt der geistigen Auflockerung und des musischen Aufbruchs eine besondere Pointe.

Eine andere Persönlichkeitsfrage des hiesigen Musiklebens sieht ihrer Erprobung entgegen: der neu verpflichtete Operndirektor Ference Fricsay ist in diesem Monat endlich in Aktion getreten. Die lange Frist, die bis zu diesem Zeitpunkt seit seinem Vertragsschluß vergangen ist, hat in der Öffentlichkeit schon einige Besorgnisse erweckt, ob sich hier nicht ein Fall nach dem Wiener Muster Karl Böhms entwickeln könnte. Der Weltruhm eines Dirigenten nützt einem Operninstitut wenig, wenn die Qualitäten, auf die er sich gründet, seiner eigentlichen Wirkungsstätte nur in homöopathischen Dosen zugute kommen. Was in dieser Hinsicht Stetigkeit und Regelmäßigkeit vermögen, sieht man am künstlerischen Rang sowohl der öffentlichen Konzerte des Bayerischen Rundfunk-Orchesters unter Eugen Jochum, wie der Münchener Philmharmonie, die Fritz Rieger leitet.

Unter den Münchner Theatern haben unbestritten die Kammerspiele das größte Renommee, besonders, was den Unternehmungsgeist betrifft. Sie gruben kürzlich Strindbergs seit Ewigkeiten nicht mehr gespieltes Traumspiel "Nach Damaskus" aus (es hatte 1916 bei Falckenberg, noch in dem alten Hinterhaus der Augustenstraße, seine deutsche Premiere erlebt), in einer geschickten Kürzung auf einen Abend und in schlechthin großartiger Wiedergabe. Was lehrte das Experiment? –: Daß Strindberg das überragende dichterische Theatergenie war, von dem in den seither verflossenen Jahrzehnten 90 vom Hundert aller dramatischen Autoren recht ausgiebig gezehrt haben, ohne das Original zu erreichen. Auch das Märchen von der Überholtheit der Strindbergschen Thematik, wurde widerlegt: das Publikum fühlte, daß die Tragödie des destruierten Menschen heute so aktuell wie jemals ist.

Das Staatliche Schauspiel im Residenztheater brachte einen respektablen, doch nicht durchweg überzeugenden "Prinzen von Homburg" heraus und erntete Serienerfolge mit Leichtgewogenem wie Pagnols "Tochter des Brunnenmachers" und Wilders "Heiratsvermittlerin". Im Gärtnerplatztheater machte eine leider schnell verflossene Sensation das Gastspiel der Ballets de Paris (Roland Petit) mit fünf modernen Tanzpoemen, Kabinettstücken neoexpressionistischer Gebärdensprache. Und in der Kleinen Komödie wurde zum Dauerzugstück die flotte Backfischliteraturparodie "Der Bestseller" von Basil Thomas.

Gutes Theater "für jedermann" will die neue Tribüne bieten, für die schon mehrere Münchner Betriebe ihren Angehörigen Abonnements gestiftet haben. Max Halbes "Strom" war das säuberlich servierte Eröffnungsstück. Von den Klassikern bis zur Moderne soll das Repertoire sich spannen.

Eine weitere neue Bühne kündigt sich an im Künstlerhaus‚ dessen schwere Bombenschäden aber vorläufig noch nicht beseitigt sind. Das einst so ereignis-umwitterte, arabeskenfreudige Bauwerk Gabriel von Seidls, das sich neben dem allzu phantasiearmen Reißbrettprodukt der "Maxburg" verloren genug ausnimmt, soll durch ein Theater von 450 Plätzen unter der Direktion, von Trade Kolmar wieder zur Attraktion werden. Die jetzige Leiterin des Kabaretts "Die kleine Freiheit" verspricht einen beweglichen Spielplan, ein junges Ensemble und Qualität als Grundsatz. Gute Absichten, wenn sie verwirklicht werden. Abendroth