Wer Gelegenheit hat, sich mit Schriftstellern aus der Sowjetzone zu unterhalten, kann immer wieder hören, daß man es "drüben" als besonders drückend empfindet, nicht auch einmal ins Ausland reisen zu können. Erlaubnis dazu erhält nur der "Zuverlässige", der als Elite-Delegierter der "Weltfriedensbewegung" zu irgendeinem Kongreß in Marsch gesetzt wird. Aber das ist schließlich alles andere denn eine private Auslandsreise. In der Zeitung des sowjetzonalen Kulturbundes, Sonntag, wurden wiederholt Zuschriften von Lesern veröffentlicht, die die Forderung enthielten, es müsse ein Jahrzehnt nach Kriegsende auch der Auslandsreiseverkehr wieder erlaubt werden. In einer dieser Zuschriften hieß es: "Auslandsaufenthalte und Studienreisen müssen allen offenstehen, und nicht nur einem kleinen Kreis ‚Erwählter‘." Als besonders grotesk wurde es empfunden, daß nicht einmal Reisen nach der Sowjetunion oder den "befreundeten Volksdemokratien" möglich gemacht werden konnten. Bedrängt durch diese Unzufriedenheit in den Kreisen der Schriftsteller und der übrigen Intelligenz, sah sich die Redaktion des Sonntag bereits im August vorigen Jahres genötigt, in dieser Frage folgende Forderung aufzustellen: "Es ist eine Tatsache, daß man von Westdeutschland aus ohne große Schwierigkeiten ins Ausland reisen kann. Wir sind der Meinung, daß es unbedingt notwendig ist, die gleichen Bedingungen für die DDR zu schaffen, zumindest für Reisen in die uns befreundeten Länder." Bereits in der folgenden Ausgabe mußte sich der Sonntag aber wieder revidieren, denn er erhielt eine Darlegung von augenscheinlich sehr einflußreicher Seite, in der es heißt: "Mit der Forderung, für Auslandsreisen bei uns die gleichen Voraussetzungen zu schaffen wie in Westdeutschland, erreicht die Unüberlegtheit und politische Naivität des Verfassers schließlich den Gipfel." Es wurde dann erklärend ausgeführt, daß die westdeutsche Touristik nur deshalb blüht, weil man die Bundesrepublik an die NATO verkauft hat.

Inzwischen hat man in Moskau eingesehen, daß der bisherige Zustand nicht mehr länger aufrechterhalten werden kann. Und so können gegenwärtig die Schriftsteller und Künstler in ihren lokalen Zeitungen lesen, daß die Möglichkeit geschaffen worden ist, durch Vermittlung des Kulturbundes Reisen nach Moskau oder bestimmten anderen Teilen der Sowjetunion zu unternehmen. Wer also künftig das "Vaterland der Werktätigen hymnisch besingen will, dem ist nunmehr Gelegenheit geboten, die erforderlichen Lokalstudien zu treiben. Aber die Preise sind ziemlich gesalzen, so daß sie überhaupt nur von Prominenten mit dicker Brieftasche aufgebracht werden können. Die billigste Reise – 7 Tage Aufenthalt in Moskau – kostet in Kategorie II 1020 DM. Eine 16tägige Rundreise, die über Leningrad, Kiew, Odessa und Moskau führt, kostet einschließlich 480 Rubel Taschengeld 2040 DM.

Teures Moskau, kann man da nur ausrufen. Die "deutsch-sowjetische Freundschaft" muß man sich also etwas kosten lassen. Da hat es der westdeutsche "NATO-Soldschreiber" doch besser. Acht Tage Rom kosten ihn nach den Reisebüroinseraten 198 DM, für 210 DM kann er 16 Tage an die Adria, sieben Tage Paris sind für 115 DM zu haben, und sollte er weiter in die Ferne schweifen wollen, so kann er für 650 DM eine 14-Tage-Reise nach Athen und Istanbul machen. Und was das Wichtigste ist: im Westen reist man ohne Politik. pe. m.