Von Michael Davie

Heute sind die englischen Ressentiments gegen Deutschland nicht mehr stark genug, sich gegen englische Höflichkeit und gute Umgangsformen durchzusetzen. Das hat nun freilich zur Folge gehabt, daß viele Deutsche – bis hinauf in die höchsten Kreise der Politik – sich falsche Vorstellungen vom Deutschlandbild der Engländer machen und sich schon wieder in ein unwirkliches Traumland verrennen – eine Neigung, die man uns gerade in England oft zum Vorwurf macht. Er erschien uns deshalb angebracht, einmal ohne diplomatische Schminke das Bild so zu zeichnen, wie es wirklich ist. Es wäre unfair, den Verfasser Michael Davie mit diesem Deutschlandbild zu identifizieren. Die deutschen Journalisten, die das Glück hatten, ihn kennenzulernen, wissen, daß er zu den aufgeschlossenen Engländern gehört, die auch Deutschland und die Deutschen in freundlichen Farben sehen.

Mit dem Deutschlandbild der Engländer ist es wie mit einem Eisberg: Nur wenig davon kommt für jeden zum Vorschein, und das Ganze beobachten heißt: in die Tiefe gehen und sich einer starken Abkühlung, wenn nicht gar Verkühlung aussetzen.

Wenn Minister Ihrer Majestät oder Schulmeister auf internationalen Konferenzen wohlklingende Reden halten, dann könnte es so aussehen, als ob alles Vergangene vergessen wäre. Vielleicht will man es vergessen; und hoffentlich ist das auch denjenigen wenigstens die für die englische Politik, gegenüber Deutschland verantwortlich sind, wirklich gelungen. Was der kleine Mann, der Durchschnittsengländer, denkt und fühlt, steht jedoch noch immer im Zeichen des Krieges. Um das Deutschlandbild dieser Engländer zu verstehen, muß man zunächst endlich einmal ganz klar sagen, wie sich Nazi-Deutschland während des Krieges von England aus ansah.

Da ist es besonders wichtig, eines festzuhalten: Niemand hier bezweifelte damals – und sehr wenige Leute in England bezweifeln heute –, daß Deutschland, und Deutschland allein, für den Ausbruch des Krieges verantwortlich war. Dieser Eindruck wurde für den Engländer noch stärker, wenn er einen Blick auf seine eigene Regierung in Withehalt warf und dort die offensichtlich aller Schlechtigkeit dieser Welt hilflos gegenüberstehende Figur Chamberlains als Premierminister sah und neben ihm einen Außenminister, der von internationaler Machtpolitik so wenig Ahnung hatte, daß er allen Ernstes meinte, die beste Möglichkeit, mit Göring fertigzuwerden, bestünde darin, ihn zum großen englischen Steeplechase, dem Grand National, einzuladen.

Jeder Engländer sah damals, wie wenig England auf einen Krieg vorbereitet war, und daß keine englische Regierung vor dem ersten Kabinett Churchill auch nur die geringste Ahnung zu haben schien, wie man sich, von einem solchen Kriege bedroht, zu verhalten hätte. Mußte ihnen die Unschuld ihres eigenen Landes nicht in die Augen springen, als sie sahen, wie die Miliz bei Ausbruch des Krieges mit Pickeln und Kreuzhacken "bewaffnet" wurde?

Als die Grabenkämpfe des ersten Weltkrieges kein Ende nehmen wollten, fingen viele englische Soldaten an, sich zu fragen, ob die Sache, für die sie kämpften, denn wohl wirklich die bessere sei, ob der Gegner nicht das Recht auch auf seiner Seite habe.