Ein scharf geschnittenes Profil, aber en face verriet dies Gesicht Weichheit; ein unerschütterlicher Zigarrenraucher, jedoch seine Gesten hatten nichts von Gemütlichkeit; gelassen bis zur Gleichgültigkeit, wenn es um seine persönlichen Dinge ging, doch von aufschäumendem Temperament, sobald es sich um literarische, kulturpolitische und allgemeinpolitische Fragen handelte: Dies ein paar Striche zur Porträtzeichnung unseres langjährigen Mitarbeiters Christian Ernst Lewalter, der Ende der vorigen Woche verstarb.

Er war in Hamburg geboren, und alte Freunde sagen, daß er schon in seiner Jugend faszinierend gewesen sei als ein Mensch, der ein unmittelbares, schöpferisches Verhältnis zu den Künsten und Geisteswissenschaften gehabt habe. Er wurde Lehrer, Studienrat, und machte, der Unermüdliche, seinen Namen bekannt durch Essays auf literarischem und historischem Gebiet. Bis die Wogen des Nationalsozialismus ihn aus dem Staatsdienst spülten: Lovis H. Lorenz, ein Jugendfreund, holte ihn nach Berlin an den Scherl-Verlag, der das Privileg besaß, nicht völlig im Bereich der Naziknute zu existieren. Lewalter war hier mit literarischen Gegenständen beschäftigt; er hatte leidlich seine Ruhe.

Die Nachkriegszeit schien einen völlig neuen Lewalter geformt zu haben: Mager, ausgemergelt war er, doch von einer glühenden Energie und einem enormen Fleiß. Als unser Freund Paul Bourdin in Berlin den „Kurier“ gründete, begann Lewalters große Aufgabe: Es mußten ja Menschen sein, die im Bereich des Kulturlebens die abgerissenen Fäden europäischer Gemeinschaft neu knüpften. Nicht viele waren dazu fähig, und zu diesen wenigen, die über die Dürre der „Tausend Jahre“ hinweg die Werte abendländischen Geistes rein und ungetrübt in sich getragen hatten, gehörte Christian E. Lewalter, ohne den der „Kurier“ seine bedeutende Aufgabe nicht halb so gut hätte erfüllen können.

Die ZEIT hatte all die Jahre Verbindung zu Lewalter, ehe er 1950 zu uns kam und gemeinsam mit Bourdin, dem Unvergessenen, an dieser Wochenzeitung wirkte. Seither kennen unsere Leser ihn als den profunden Interpreten des Theaters und der Schauspielkunst, als den strengen, doch niemals boshaften Kritiker, als den sorglichen Bücherberater, als den Kulturpolitiker, dem zumal die Schul- und Hochschulfragen am Herzen lagen, als den brillanten Schriftsteller, dem kein geistiges Gebiet – vom Religiösen bis zur Sprachforschung – unvertraut war.

Manche Züge, die unverkennbar zum Gesicht der ZEIT gehören mögen und hoffentlich bleiben werden: Lewalter hat sie eingezeichnet.

Er war nie ernstlich krank gewesen, und die tödliche Krankheit, ein Krebsleiden, wurde von ihm selbst nicht bemerkt. Er erreichte ein Alter von 64 Jahren, doch niemand hätte ihn für älter als 50 Jahre gehalten. Und so werden wir ihn in unserem dankbaren Gedächtnis behalten: als einen Freund, der nicht altert, und als ein Beispiel dafür, daß Tätigkeit und Lebensteilnahme der Inbegriff von echter Jugend sind. J. M-M