Dd, Wiesbaden

Alle zwölf Monate ereignet sich im Hessischen Landtag das Unbegreifliche: Ein Abgeordneter der großen Regierungspartei, ein Sozialdemokrat, tritt ans Rednerpult des Hohen Hauses und hält eine Philippika gegen einen Minister seiner Regierung, die sonst aus den Reihen der SPD und BHE kaum nennenswerte Kritik zu befürchten hat. Der an allen übrigen Sitzungstagen des Jahres schweigsame Abgeordnete aber entlädt seinen angestauten Zorn gegen das Ministerium für Landwirtschaft und Torsten der Regierung Zinn.

Der Abgeordnete heißt Jakob Göbel ist 69 Jahre alt und selbständiger Landwirt in Bad Hersfeld. Seine wütenden Angriffe gegen den Landwirtschaftsminister sind, wie sein Fraktionsvorsitzender Ludwig Bodenbender, gleichfalls selbständiger Landwirt, zu betonen pflegt, „die persönliche Meinung des Kollegen Göbel, der nicht im Auftrage unserer Fraktion gesprochen hat“.

„Herr Minister“, so ereiferte sich Göbel heuer bei der zweiten Lesung des Etats, „vor allem fällt mir auf, daß gerade in Ihrem Ministerium die Zahl der Beamten seit 1954 gestiegen ist: von 69 auf 92. Herr Minister, ich wünschte, es wäre Ihnen möglich, die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeiter im gleichen Prozentsatz zu vermehren wie die der Beamten in Ihrem Ministerium. Ich war im letzten Jahr einmal dort und mußte feststellen, daß die Abteilungsleiter fehlten. Man sagte mir, bei schönem Wetter seien die Herren meist unterwegs. Ich dachte: Die sind vielleicht zur Erntehilfe nach Nordhessen gereist. Aber der Anmarschweg wäre wohl zu lang, das könnte man einfacher haben ...“

Und dann setzte sich Göbel ausführlich mit dem Zustand der hessischen Staatsdomänen auseinander, wobei er fast jedes Stück Großvieh in seine Betrachtung einbezog. So berichtete er von dem denkwürdigen Tag, an dem die Kälber der staatlichen Domäne Eichhof bei ihrer Überführung in den Kuhstall infolge allgemeiner Entkräftung zusammenbrachen, weil sie offensichtlich falsch ernährt worden waren. Obwohl doch auf der Domäne ein angeblich sachverständiger Beamter wohne, dessen Gehalt der Landtag nun wiederum unter Titel soundso, Kapitel sowieso, mehr als zufriedenstellend geregelt habe, sagte der Abgeordnete. Und da gäbe es Kühe auf jenem Mustergut, die nicht mehr als sechs Liter Milch liefern. „Ohne daß ich Leiter einer Versuchsanstalt wäre“, rief Göbel, „gibt eine meiner Kühe zwanzig Liter Milch.“ Dies war die einzige Stelle seiner langen Rede, bei der die sonst stirnrunzelnden Fraktionsgenossen ihm Beifall spendeten.

Landwirtschaftsminister Hacker (BHE) antwortete mit verbindlichem Lächeln, aber scharf, Er sagte: „Meine Abteilungsleiter wissen, daß bei gutem Wetter die Schlacht um die Landwirtschaft nicht im Saale geschlagen wird.“ Die Mitarbeiter des Ministeriums seien „in Ordnung“. Und um jede kalbende Kuh könne er sich nun wirklich nicht kümmern.

Ob nun wirklich alles falsch oder übertrieben ist, was Göbel vorbrachte, wird man im Landtag kaum klären können. Kein anderer scheint die Staatsdomänen in Nordhessen so zu kennen wie er. Wenn er auch nicht „die Meinung der Fraktion vertritt“, so doch anscheinend die seiner Hersfelder Parteifreunde, die ihn seit 1946 nun schon dreimal als Kandidaten aufgestellt und auch gewählt haben.