Mit über 620 Betrieben des graphischen Gewerbes, in denen rund 15 400 Personen beschäftigt sind, ist Westberlin noch immer die größte Druckstadt Deutschlands. Unter Einbeziehung der Arbeitskräfte in den Verlagen, in Buchhandel und -gewerbe, im Papier- und Büromittelhandel und in verwandten Branchen leben sogar rund 50 000 Westberliner vom graphischen Gewerbe ihrer Heimatstadt. Nach den Ergebnissen der Industrieberichterstattung, an der allerdings nur etwa 200 Betriebe beteiligt sind, hat dieser Gewerbezweig 1955 seinen Produktionswert gegenüber dem Vorjahr um 15 v. H. auf 145 Mill. DM und gegen 1950, dem ersten Nachkriegsjahr mit einer ungestörten wirtschaftlichen Entwicklung Westberlins, sogar mehr als verdoppelt. Dennoch ist der Vorsprung der westdeutschen Betriebe noch beträchtlich, und an die Wiedergewinnung der alten Stellung Berlins im Druckgewerbe ist, wie anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Fachverbands immer wieder betont wurde, erst zu denken, wenn Berlin wieder Hauptstadt ist.

Die Problematik des Gewerbes liegt nicht zuletzt in der Vielzahl kleiner und kleinster Betriebe, deren Rentabilität nicht zu einer durchgreifenden Rationalisierung und Modernisierung aus eigener Kraft ausreicht. Die in den letzten Jahren über 220 Betrieben gewährten ERP-Kredite von insgesamt fast 13 Mill. DM haben hier nur zum Teil den erforderlichen Ausgleich geschaffen, und auch der vom Berliner Senat verfolgte Plan, ähnlich wie für die Damen-Oberbekleidungsindustrie mit Hilfe öffentlicher Mittel für eine größere Zahl kleiner und mittlerer Betriebe ein „graphisches Zentrum“ zu errichten, das durch angemessene Tilgungsraten allmählich in den Besitz der Mieter übergeht, stößt wegen des Kapitalmangels und der – zum Teil verständlichen – geringen Risikofreudigkeit gerade derjenigen, denen damit am meisten gedient wäre, noch auf gewisse Schwierigkeiten. Dennoch besteht begründete Hoffnung, daß auch dieses Projekt in absehbarer Zeit verwirklicht wird.

Ein Beispiel für die Möglichkeiten, die sich einem leistungsfähigen Unternehmen der Branche selbst in den beengten Raum der drei Westsektoren bieten, liefert der Geschäftsbericht der Ullstein AG für das Jahr 1955 das vierte Jahr nach der Rückerstattung des Unternehmens. Die zwei Tageszeitungen des Verlags („Berliner Morgenpost“ und „BZ am Mittag“) haben mit einer Verkaufsauflage von rund 170 000 (sonntags knapp 300 000 bzw. rund 200 000 am Schluß des Berichtsjahrs bei weiterhin steigender Tendenz im zweiten Halbjahr 1955 eine Auflage von mehr als der Hälfte aller Westberliner Tageszeitungen erreicht. Noch günstiger war der Verlauf des Anzeigengeschäfts, und auch der Absatz der Zeitschriften. („Brigitte“, „Radio Revue“ und „Bauwelt“) ist nach Angaben der Geschäftsleitung ebenso weiter gestiegen wie der des Buchverlags. Das Druckhaus, das außer allen wichtigen Druckverfahren auch die ergänzenden Betriebszweige wie Großbuchbinderei und Chemiegraphie pflegt, erzielte nach umfangreichen maschinellen Neuinvestitionen gleichfalls anhaltend steigende Umsätze. Wie anläßlich der HV zu erfahren war, hat das gesamte Unternehmen bei einer durchschnittlichen Steigerung um 15 v. H. im Vorjahr rund 55 Mill. DM umgesetzt, woran Ende des Jahres eine Belegschaft von rund 3700 (i. V. 3500) Personen beteiligt war, die inzwischen auf annähernd 3900 angewachsen ist. Bei einem AK von unverändert 6 Mill. DM stieg die Bilanzsumme auf 20,2 (18,2) Mill. DM, von denen 10,4 (9,7) Mill. DM auf das Anlagevermögen entfielen, während die Verbindlichkeiten, vor allem die Bankschulden, infolge des Kapitalbedarfs für die Investitionen auf 8,7 (7,0) Mill. DM zunahmen. Bei einem Rollertrag von 20,5 (19,0) Mill. DM wird ein Reingewinn von 0,27 (0,04) Mill. DM ausgewiesen, der sich um den Vortrag auf 0,35 Mill. DM erhöht und zum ersten Male die Ausschüttung einer Dividende von 4 v. H. ermöglicht.

Gegenüber einer solchen Gesellschaft, die zwar wie fast alle Berliner Betriebe erhebliche Kriegsschäden erlitten, aber durch glückliche Umstände einen wesentlichen Teil der Substanz gerettet hat, waren die Bedingungen für einen neuen Start eines Mittelbetriebs vom Range der Deutschen Zentraldruckerei AG erheblich schwieriger. Nicht nur die Lage inmitten eines Trümmerfeldes, sondern mehr noch hart an der Grenze zum Sowjetsektor hat jahrelang den Wiederaufbau und die Ertragskraft dieses Unternehmens stark beeinträchtigt. Bei fast völligem Verlust der Substanz, die mit etwa 10 Mill. RM zu beziffern ist, und der Kundschaft erschien das Unternehmen bis zum Anlaufen der ERP-Hilfe für Berlin nicht kreditwürdig. Wenn dennoch bei einem AK von 0,675 Mill. DM seit der Währungsreform rund 0,75 Mill. DM investiert (davon inzwischen 0,34 Mill. DM abgeschrieben) und nach einer etappenweisen ERP-Kredithilfe von rund 0,4 Mill. DM im Geschäftsjahr 1955 bei einem Rohertrag von 0,9 Mill. DM und einer Bilanzsumme von knapp 1,5 Mill. DM alle Nachkriegsverluste getilgt und die Gewinn- und Verlustrechnung ausgeglichen werden konnten, so ist dies ein typisches Zeichen nicht zuletzt für die persönliche Leistung zahlreicher Unternehmer von Berliner Mittelbetrieben, die sich noch zu einer Zeit mit den dringendsten Problemen der nackten Existenzsicherung herumschlagen mußten, als ihre westdeutsche Konkurrenz schon längst Gewinne ausschüttete.

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Wenn auch nicht unmittelbar zum graphischen Gewerbe zählend, so steht doch die H. Berthold Messinglinienfabrik und Schriftgießerei AG, Berlin-Stuttgart, in so engen Beziehungen dazu, daß sie in diesem Zusammenhang genannt werden darf. Konnte die Gesellschaft schon für 1954 eine Dividende von 6 v. H. auf das AK von 1,75 Mill. DM verteilen, so wird der HV am 16. Juni die Erhöhung auf 8 v. H. vorgeschlagen. Gleichzeitig werden die Besitzer der 0,35 Mill. DM Vorzugsaktien zum Verzicht auf die Vorzugsrechte und zum Umtausch im Verhältnis 1:1 in neue Stammaktien aufgefordert. Als Entschädigung werden auf jede Vorzugsaktie 200,– DM gezahlt. Die gute Beschäftigungslage des Vorjahres hat nach Mitteilung der Verwaltung im laufenden Jahr angehalten und erstreckt sich auch auf die Tochtergesellschaft Hoh & Hahne Hohlux GmbH, Offenbach. Die bisherige Beteiligung am St. K. belief sich auf 76 v. H. von 0,5 Mill. DM. In der HV soll auch über eine erweiterte Beteiligung an dieser Gesellschaft Beschluß gefaßt werden. G. G.