Uberschall und Koexistenz auf dem internationalen Flugmeeting in Zürich

Das letzte internationale Flugmeeting in Zürich im Jahre 1937 war noch eine regelrechte Olympiade der Luft, ein Kampf der Kolben und Propeller. Im Mittelpunkt stand damals, der Alpenrundflug, ein Wettfliegen, bei dem der deutsche Schnellbomber "Do 17" mit dem Spitznamen "Fliegender Bleistift" einen heute noch unvergessenen Sieg errang. Engländern und Franzosen liefen damals kalte Schauer über den Rücken: "Ein deutscher Bomber, der unseren Jägern davonfliegt, das ist ja eine Katastrophe!"

Wieso kommen einem diese Töne heute so bekannt vor? – Weil man nur eine amerikanische Leitung aufzuschlagen braucht, um zu erfahren, daß nach Ansicht der US-Luftwaffengenerale auch heute wieder ein Bomber existiert, der schneller ist als die meisten Jäger, und zwar der sowjetische Düsenbomber "Bison". Dabei ist der "Bison" keine Versuchsmaschine, sondern ein Serienprodukt der sowjetischen Flugzeugindustrie. In seinen vier Düsen steckt mehr Schubkraft als in den Maschinen des Schiffes Queen Mary, und wenn er in Höhen von über 15 000 m dahinfliegt, entwickelt er Geschwindigkeiten, die hart an der Schallgrenze liegen. Leider war der "Bison" in Zürich nicht zu sehen, und es gab diesmal auch kein Wettrennen der Bomber und Jäger rund um die Alpen, sonst wüßte die Welt heute, ob die amerikanischen Luftwaffengenerale Patridge und Lemay mit ihren Kassandrarufen: "Die Sowjets überflügeln uns in der Luft!" recht haben, oder ob sie auf diese Weise nur wieder einmal ein größeres Stück aus dem Kuchen des amerikanischen Militärbudgets herausschneiden wollen.

Aber eins scheint gewiß: Um dem Westen bei einem Luftrennen eine Chance zu geben, hätten schon einige der noch geheimen Jäger wie der amerikanische "Super Sabre F 104" oder der englische "Hunter Mark VII" teilnehmen müssen. Diese beiden Typen sollen mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit erreichen und existieren bereits in mehreren Exemplaren. Auf den Flugplätzen der NATO sind sie aber noch nicht aufgetaucht. Und da es wahrscheinlich ist, daß der "Bison" bereits einen – vorläufig ebenfalls noch geheimen – noch schnelleren Bruder hat, ist auch hier der Stoßseufzer am Platz: "Immer diese Ungewißheit!" – Natürlich hat diese Ungewißheit auch ihr Gutes; sie hält die westlichen Konstrukteure in Atem (wenn auch auf Kosten der westlichen Steuerzahler) und bewahrt die westlichen Politiker vor übertriebenem Selbstvertrauen.

Sonntagmittag in Zürich: Ich frage den Portier meines Hotels, wie man zum Militärflughafen Dübendorf kommt. – "Mit dem Auto dauert es drei Stunden, mit dem Zug 20 Minuten", ist die Antwort. Ich schaue auf die Uhr. Das Flugmeeting beginnt in einer Stunde. Mit dem Auto käme man also bei einigem Glück gerade noch zur zweiten Hälfte des Programms zurecht. Alle zehn Minuten fährt vom Züricher Hauptbahnhof ein Extrazug und nach Schluß des Meetings sogar alle fünf Minuten. Eine beachtliche Leistung der schweizerischen Bundesbahn! Dazu kommen unzählige Autobusse und endlose auf allen Zufahrtsstraßen herankriechende Autoschlangen. Alles in allem sind rund 500 000 Menschen unterwegs. Es ist ein Volksfest der Fliegerei, wie es die Welt jedenfalls diesseits des Atlantik noch nicht erlebt hat.

Ein deutscher Fallschirmspringer...

Neun Nationen nahmen am Meeting teil: die Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Schweden, die Tschechoslowakei, Sowjetrußland und die Vereinigten Staaten. Deutschland, das nicht einmal mit einer Fahne vertreten war, hatte einen einzigen Teilnehmer entsandt, den Fallschirmspringer G. Schutt, der einen waghalsigen Sprung mit Auslösung nach 2000 m freiem Fall vorführte. 1937 war Deutschland der gefeierte Sieger des Flugmeetings, 1956 war es durch einen Fallschirmspringer vertreten. Es gehört ein sehr großer Optimismus dazu, zu glauben, Deutschland könne diesen Vorsprung der anderen Nationen je wieder einholen.