Schon der Name des vor einigen Tagen in Bonn gegründeten neuen bäuerlichen Spitzenverbandes „Deutsche Bauernschaft – Gesamtverband landwirtschaftlicher Familienbetriebe“ deutet die besondere Aufgabe an, die sich diese Neugründung gesetzt hat: Wahrnehmung der besonderen Interessen von Kleinbauern, Pächtern und Siedlern, Gesundung der kleinbäuerlichen Familien. Wie ausschließlich es sich hierum handelt, ersah der Gast der Gründungsversammlung an Statur und Köpfen der hier zusammengekommenen Bauern: von Sonne und Wind gegerbte Gesichter, von schwerer Arbeit und Sorgen zerfurcht, nur echte Kleinbauern. Diese Menschen wollen keine „große“ Agrarpolitik machen.

Diese Kleinbauern sind nicht die einzigen, die am deutschen Bauernverband (DBV) auszusetzen haben, seine Politik berücksichtige zu stark die Mittel- und Großbetriebe. Diese Schicht hat in der Tat kaum etwas vom Wegfall der Umsatzsteuer in der Erzeugerstufe, kaum etwas von der Rückvergütung des Dieselzolls und nicht sehr viel von der Düngemittelsubvention. Diese Schicht leidet darunter, daß der Betrieb zu klein, zu zersplittert ist und mit zu engen und ungünstigen Wirtschaftsräumen und mit zu geringem Geldbetrag die „Klein-Mechanisierung“ behindert. Diese Bauernschicht ist an der Strukturveränderung, am Kern des Lübke-Programms interessiert.

An zwei Stellen seiner Programmrede erhielt der Präsident des neuen Verbandes, der Bundestagsabgeordnete (der SPD) Dr. Martin Schmidt (Gellersen), besonders starken Beifall. Das erste Mal, als er erklärte, die angesprochene Schicht stehe den Arbeitnehmern sehr viel näher als den Unternehmern und distanzierte sich daher von Gegnerschaft und Mißtrauen des DBV gegen die Gewerkschaften – das andere Mal, als er die Boden- und Strukturfragen, Flurbereinigung, Aufstockung, Dorfaussiedlung, Neuordnung des Pachtrechts und gesetzliche Alterssicherung zu den Hauptaufgaben des neuen Verbandes erklärte. In der Tat steht diese Bauernschicht den Arbeitern – und zwar der unteren Schicht – nach Einkommenshöhe, nach der Schwere der Arbeit und gesellschaftspolitisch näher als den Unternehmern, auch dort, wo sie über Grundeigentum verfügt. Die sachlichen Forderungen umfassen das, was Agrarpolitiker und Soziologen fordern, um die bäuerlichen Betriebe wirtschaftlich zu gesunden und dabei die bäuerliche Familie als wichtiges gesellschaftliches Element zu erhalten.

Niemand vermag im Augenblick vorauszusehen, ob der neue Verband draußen im Lande breitere Resonanz finden wird. Das wird nicht nur von seiner Aktivität, sondern auch von den Gegenzügen des DBV und davon abhängen, wieweit sich die Kleinbauern im Lande an einem der SPD angehörenden Vorsitzenden stoßen. Aber man könnte sich denken, daß die deutsche Bauernschaft eine wesentliche Aufgabe – gerade vom Standpunkt der allgemeinen Agrarpolitik aus – erfüllen könnte, wenn sie gleichsam als ständige „Unruhe“ gegenüber den behördlichen Stellen, den Siedlungsgesellschaften und den Kreditorganisationen draußen im Lande auf den unteren Ebenen wirkt, und wenn sie von unten die ihren Bestrebungen gleichlaufende amtliche Agrarpolitik aus eigener bäuerlicher Initiative heraus unterstützt und fördert.

Die Strukturumwandlung könnte um so reibungsloser und schneller vor sich gehen, je stärkere Unterstützung diesem Programm aus den Kreisen der Bauern selbst zuteil wird. So könnten von der „Deutschen Bauernschaft“ bedeutsame Impulse ausgehen, wenn es ihr gelingt, durch die Arbeit ihrer Mitglieder draußen dazu beizutragen, die Widerstände der einzelnen Bauern bei der Besitzumschichtung durch Darlegung ihrer Vorteile zu überwinden. F. L.