Wien, Anfang Juni

Der zögernde Eintritt des Frühlings hatte für Wien seine Vorzüge: die Hochsaison wurde gut und gern um einen Monat verlängert. In diesen Wochen, da die Wiener sich lieber schon auf den Wienerwald, wo nicht gar auf die Strandbäder oder die Heurigenschenken eingestellt hätten, hat der Wettergott sie nachdrücklich auf ihre Kulturstätten verwiesen. Und dort gab es auch eine Menge zu sehen: die Uraufführung eines jungen Österreichers, die deutsche Erstaufführung eines für uns so gut wie unbekannten Franzosen und dazu Glanzaufführungen aus dem Bereich des kosmopolitischen Repertoires – in diesem Fall von Werken Giraudoux’, Anouilhs und Christopher Frys.

„Die hungrigen Götter“

Die Novität nannte sich, in Anlehnung an Anatole France, Die hungrigen Götter und hat Hans Schubert zum Autor. Der Mann mit dem wienerischen Namen hat bisher mit lokaler Dramatik, wie seiner Vorstadtkomödie und Stadtpark starke Erfolge erzielen können. Diesmal aber schrieb er für das Akademietheater – das kleine Haus der „Burg“ – und da scheint ihm die Burgtheaterluft nicht gut bekommen zu sein. Sein Thema ist – der Titel verrät es – der menschenfressende Mechanismus der französischen Revolution. Sie steht hier ebenso zeitlos für alle Revolutionen, wie einige Jahre vorher in Zusaneks Burgtheaterstück Jean von der Tonne. Die Helden jenes welthistorischen Augenblicks werden umgezeichnet: aus dem düsteren Schreckensmann Chabot wird hier ein Fanatiker der Lauterkeit, der den Übergang von der Freiheit zum Terror nicht mitmachen will, und aus dem österreichischen Geschäftemacher Baron Frey ein nobler Beschützer der jungen Liebe, die seine Schwester zu Chabot empfindet. Aber Schubert hat immerhin das Thema – die Lauterkeit des Menschen gegen das Grauen des politischen Terrors – sauber herausgeschält und mit dem Bühnengriff des Erfahrenen gestaltet.

„Kinderpavillon“

Der Franzose, der dieser Tage für das deutschsprachige Theater gewonnen werden sollte, ist Jean Sarment. Obwohl man bei uns seinen 106. Geburtstag kennt, war er doch bisher ein homo ignotus. Sein Kinderpavillon erlebte nun in der Josefstadt seine deutsche Erstaufführung, und Sarment präsentiert sich darin als ein verhaltener Poet des Theaters, als einer, der zwischen Dramatik und Lyrismus, zwischen Humor und einer vom Diabolischen umwitterten Tragik auf schmalem Grat seinen equilibristischen Akt vollführt. In dem namengebenden Kinderpavillon hat einmal ein kleiner Junge beim Räuberspiel seine Spielgefährtin geküßt und dadurch deren eifersüchtige unansehnliche Schwester in Tränen ausbrechen lassen. Diese Situation bestimmt das Leben dieser drei Menschen auch noch zu einer Zeit, da der Räuberhauptmann bereits zum Großvater aufgerückt und der Kinderpavillon zum Rendesvousplatz der Enkel geworden ist. Immer noch reiben die drei Menschen einander auf, bald an die Lachmuskeln, bald an die Tränendrüsen appellierend. Sarment erscheint als Autor, der seinen Tschechow zwar nur in französischer Übersetzung, aber dafür desto fleißiger gelesen hat. Eine gewisse Mißachtung der dramaturgischen Grundgesetze läßt die poetischen Schönheiten des Werkes nicht zu voller Geltung kommen. Der behutsamen und stark atmosphärischen Regie von Werner Kraut gelang dennoch eine überaus stimmungsstarke Aufführung. Das lag nicht zuletzt an den „großen Drei“ dieses Abends: Helene Thimig, Adrienne Gessner und Aton Edthofer waren ein Trio, in dem sich der Geist Max Reinhardts noch einmal zu manifestieren schien.

„Um Lucretia“