Wer war Wols?

Von Gertrude von Schwarzenfeld

Vierzig Aquarelle von Wolfgang Wols, die einen repräsentativen Querschnitt seines reichen Schaffens darstellen, sind gegenwärtig in der Münchener Galerie Otto Stangel ausgestellt.

Wenn man sich in Paris mit der aktuellen Malerei befaßt, so stößt man immer wieder auf den Namen Wols. Wer war Wols? Man nennt den im Jahre 1951 verstorbenen Künstler den "Vater des Tachismus", jener neuen Ausdrucksform, die das Emotionale in die abstrakte Malerei einführte, und die ihren Weg in kürzester Zeit um die ganze Welt gemacht hat. Obwohl Wols, als Erneuerer der "inneren Schau", ein legitimer Platz in der Gegenwartskunst zukommt, gibt es noch keine Publikation über ihn, wurde noch keine Gesamtausstellung seines Werkes gezeigt, hat sich noch niemand seiner unveröffentlichten Gedichte und Notizen angenommen – fast könnte man meinen, er sei eine legendäre Figur. – Wer war Wols? Ich steige die Treppe eines bescheidenen Hotels im Quartier Saint-Germaindes-Près in die Höhe, klopfe an die Tür, die mir aufgemacht wird: "Madame Wols?" – "Oui, entrez ..." – Ein kleines Hotelzimmer, das offensichtlich als Wohn- und Schlafraum, Küche und Salon dient, und das doch den Eindruck einer gewissen Eleganz vermittelt. Geruch eines starken Parfüms, Speisen auf dem Tisch, über dem mit sandfarbenem Damast bezogenen Bett ein rauchgraurosa-violettes Bild – Frau Gerty Wols. gehörfige Rumänin, in einer hinesischen Brokatjacke und schwarzen Hosen, ist von dem Werk ihres Mannes überströmend erfüllt: "Er war der erste, der so malte, so ganz frei, so ganz von Innen heraus – bei ihm ist nichts automatisch, er spritzte seine Farben durchaus nicht zufällig über die Leinwand, sondern bei ihm ist jeder Tupfen wie ein Schicksal."

Von der Wand blicken zwei lebensgroße photographische Porträts von Wols – ein junger Mann mit einer hohen, zurückweichenden Stirn, nachdenklichen Augen und der in sich selbst versunkenen Haltung der Kontemplativen.

"Er war sehr ruhig"; sagt Frau Wols, "sehr zurückhaltend, errötete leicht, war menschenscheu und liebte doch die Menschen ... Er gebrauchte ungern das Wort ich – sprach von sich selbst oft in der dritten Person – Wols tut dies, denkt das – er wollte ganz im Universalen aufgehen."

Frau Wols gibt mir nun die Daten ihres Mannes: Wolfgang Schulze, geboren 1913 in Berlin, evangelisch getauft, seit 1919 in Dresden, wo sein Vater, Geheimrat Dr. Alfred Schulze; zum Ministerialdirektor und Chef der Sächsischen Staatskanzlei ernannt wurde und diesen Posten bis zu seinem Tode 1929 innehatte. Wolfgang, musikalisch begabt, lernte Geige, besuchte die Oberschule, die er 1930 freiwillig verließ. Er bildete sich zum Photographen aus, war 1931 einige Tage im Bauhaus, wo Maholy-Nagy, der seine Arbeiten sah, zu ihm sagte: "Geh nach Hause, Junge, du brauchst keine Schule." Mit Empfehlungsbriefen der Professoren des Bauhauses kam er 1932 nach Paris. Im Sommer 1933 kehrte er nochmals kurz nach Dresden zurück, kaufte sich von seinem väterlichen Erbteil einen Wagen und photographisches Material und verließ endgültig Deutschland, weil er das nationalsozialistische Regime unerträglich fand. "Er wollte mit einem ambulanten Kino durch den Süden Frankreichs reisen", sagt Frau Wols "aber ich wollte nach Spanien; so fuhren wir nach Barcelona und dann nach der Insel Ibiza, wo wir bis 1934 blieben. Der deutsche Konsul machte Wols die größten Schwierigkeiten, und er wurde 1935 aus Spanien ausgewiesen. Ohne Papiere war das Leben auch in Frankreich voller Unsicherheit. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Photograph. 1937 wurde er vom Ministère du Commerce et de l’Industrie zum Photographen zweier Pavillons der Weltausstellung ernannt und nahm den Namen Wols an. Am 3. September 1939 wurde er als deutscher Flüchtling und Staatenloser interniert, kam in verschiedene Lager und begann, trotz der harten Lebensbedingungen, zu zeichnen. Ende November 1940 heirateten wir in Aix-en-Provence, und er wurde befreit. In Cassis fanden wir eine Zuflucht, Wols fühlte sich dort glücklich, malte und schrieb. Mitte November 1942 kamen die deutschen Truppen nach Cassis. Wols floh, ließ alle seine Arbeiten zurück, nahm nur seine gesammelten Muscheln und Steine mit – das, was er bereits gechaffen hatte, bedeutete ihm weniger als das, was ihn zu neuer Arbeit inspirierte. Wir lebten bis zum Waffenstillstand im Departement der Drôme vom Erlös einiger Aquarelle. 1945 kamen wir völlig mittellos nach Paris zurück, lebten in einem kleinen Hotel der Rue de Seine, wo auch Sartre und Simone de Beauvoir gewohnt hatten. Zwei Jahre lang bezahlte Sartre, den Wols sehr bewunderte, unsere Hotelrechnung. Wols illustrierte ein Buch für ihn, auch ein Buch von Kafka, die Galerie René Drouin kaufte für geringe Summen seine Ölbilder. Obwohl es uns sehr schlecht ging, wollte Wols nichts von einer Ausstellung wissen. "Malerei ist keine Ware", sagte er, "sobald ein Bild verkäuflich ist, hört es auf, ein Werk zu sein." In dem dunklen Hotelzimmer malte er im Bett liegend, beim Schein einer Kerze. Er beklagte sich nie. "Man kann nur im Schmerz und in der Armut arbeiten", sagte er. Im Mai 1947 machte ihn die Ausstellung seiner Ölbilder in der Galerie René Drouin mit einem Schlag bekannt.