Das Hölderlin-Konzil in Tübingen und des Dichters „Friedensfeier“

Von Oskar jancke

Mehr als 150 Jahre nach der Entstehung wurde 1954 die vollständige Handschrift der bis dahin nur fragmentarisch bekannten Hymne „Friedensfeier“ von Friedrich Hölderlin in London entdeckt. Über die erstaunliche Tatsache, daß ein solches Gedicht heute noch zu leidenschaftlichen Diskussionen führen kann, berichtet unser Mitarbeiter Oskar Jancke von der Jahrestagung der Hölderlin-Gesellschaft in Tübingen.

Als der Präsident der Hölderlin-Gesellschaft, der Ulmer Bürgermeister Pfizer, aus der Tatsache, daß man sich über Hölderlins „Friedensfeier“ ereiferte, ein anderes, sozusagen besseres Wunder als das „Wirtschaftswunder“ meinte konstatieren zu dürfen, sagte er doch nicht ganz das Richtige. Denn die sehr große und gespannte Beteiligung an der Tübinger Jahresversammlung der Hölderlin-Gesellschaft, in deren Mitte die 1954 aufgefundene Hymne „Friedensfeier“ gestellt war, kam von Menschen, die am wenigsten vom Wirtschaftswunder betroffen waren, von Freunden Hölderlins, akademischen meist, und, wie es sich für Tübingen wohl versteht, von viel akademischer Jugend, Das „Wirtschaftswunder“ aber, um gerecht zu sein, hatte auch, wie man hörte, der Kasse der Hölderlin-Gesellschaft ein bißchen Gutes getan. Die Zahl der Mitglieder ist auf etwa 1000 gestiegen, man hat ansehnliche Zuschüsse und Stiftungen entgegennehmen können, auswärtige Mitglieder, auch aus der Sowjetzone, waren zahlreich zur Stelle, Man kann die nächste Zukunft günstig sehen ...

„Friedensfeier“ war zweifellos ein großer Fund, weil es sich um ein großes Gedicht Hölderlins handelte, das bisher nur in Entwürfen bekannt war, die in „Versöhnender, der du nimmergeglaubt“ am vollständigsten zusammengefaßt waren, in Entwürfen aber, die bei weitem nicht zu dem Sinn der „Friedensfeier“ vorgeschritten sind, die zuerst von Friedrich Beißner, dem um die große Stuttgarter Hölderlinausgabe Hochverdienten, 1954 herausgegeben und erläutert wurde. In diesen Erläuterungen steht, daß die zweite Strophe den „Fürsten des Festes“ nenne, und wörtlich: „Hier nun wird der Streit entbrennen, und die Ausleger werden fragen und ihre Antwort genau wissen, wer mit dem „Fürsten des Fests“ gemeint sei, wer er sei.“ Das mutet heute, nach anderthalb Jahren, beinahe wie eine Provokation an, und wenn es auch bewußt keine war, so ließen doch die Antworten nicht lange auf sich warten. Beißner mußte merken, daß er, der die einstweilen endgültige Hölderlinausgabe herausgab, nicht als der autoritative Kommentator angesehen wurde. Dabei könnte man meinen, es gehe nur um Worte, aber nein: es ging wirklich um Realien. Wenn Beißner nun selber dahin mißverstanden worden ist, mit dem „Fürsten des Fests“ sei der Genius des deutschen Volkes gemeint, während er in ihm die „gestaltgewordene Bereitschaft der Menschen zu neuer Gottesbegegnung“ sieht, so befehdeten ihn andere Interpreten, zuerst Karl Kerenyi, dem dann auch der junge Schweizer Literarhistoriker Beda Allemann beitrat mit der These, Napoleon und kein anderer sei diese zentrale Person des Gedichtes, Pigenot und Lachmann aber behaupteten, sie sei Christus. Ob der Tübinger Festvortrag des Heidelberger Literarhistorikers Paul Böckmann und die ausgiebige, zuletzt ermüdende Diskussion die erhitzte Atmosphäre, in die die Vertreter unvereinbar entgegengesetzter Meinungen allmählich geraten waren, etwas abgekühlt hat? Es ist zu bezweifeln, denn die Diskussion war leider kein Gespräch, sondern eine mit Polemik geladene monologische Aneinanderreihung verschiedener Standpunkte.

Napoleon oder Christus

Doch trat klar hervor, daß Böckmanns Interpretationsversuch, den sein Schlußwort verdeutlichte, nicht nur, nicht ungeschickt, Differenzen der Vorgänger auszugleichen trachtete, sondern in wesentlichen Punkten das Verständnis des Gedichtes förderte, soweit ein Gedicht eben verstanden werden kann und muß. Es hat keinen Sinn, auf engem Raum die sich vor allem auf eine genaue „Wortfür-Wort-Deutung“ der ersten drei Strophen stützenden Darlegungen des professoralen Festredners im einzelnen wiederzugeben. Das Ergebnis, der Frieden werde in der „Friedensfeier“ gefeiert und sei selber als ein erscheinender Gott der Fürst des Festes und in ihm, dem Allbekannten, offenbare sich zugleich das Hohe, wirkte jedenfalls plausibel. Und wenn Böckmann in seinem Schlußwort die Befürchtung zurückdrängen konnte, in seiner Auslegung wirke, was zu Hölderlin gar nicht paßt, der Frieden als eine allegorische Figur, so tat er es mit den sehr guten Gründen, der „Fürst des Fests“ sei von Hölderlin nicht „faktisch“, sondern mythisch gemeint, also nicht etwa auf eine bestimmte Person bezogen, und ebensowenig wie der Friede selber sei auch seine Feier keineswegs „faktisch“ anzusehen, sondern als eine geistige Wirklichkeit. Dies letztere wäre allerdings im Sinne Hölderlins weniger klar. Doch widerspricht der Name „Fürst des Fests“ als ein mythisch-endgültiger noch nicht der Beißner’schen Deutung, die durch ihn nicht erschüttert wird, bzw. Beißner könnte ihn anerkennen, ohne daß seine Erklärung (nicht mehr Deutung) darunter wesentlich zu leiden brauchte, und wiederum, Böckmann könnte sich mit der wichtigen Entdeckung Beißners zufriedengeben, der sich neuerdings auf eine Stelle aus „Hyperions Jugend“ von 1795 beziehen kann. Diese, die, wie Beißner in der Diskussion mitteilte, schon von Ludwig Strauß in seiner Schrift „Das Problem der Gemeinschaft in Hölderlins Hyperion“ (1933) zitiert wird, enthält wirklich den Gehalt der „Friedensfeier“ in nuce und lautet: „Er ist ja wohl eines Festes wert, der selige Frieden mit allem, was da ist! – den Einen, dem wir huldigen, nennen wir nicht; ob er gleich uns nah ist, wie wir uns selbst sind, wir sprechen ihn nicht aus. Ihn feiert kein Tag; kein Tempel ist ihm angemessen; der Einklang unserer Geister und ihr unendlich Wachstum feiert ihn allein.“. Strauß nannte diese Stelle einen „Vorstoß in noch unerobertes Land“, Aber sechs Jahre später war dieses Land erobert, wenn auch noch nicht völlig in Besitz genommen. Das sollte nie geschehen. Auf jener Stufe seines Schaffens, auf der diese und die anderen späten Hymnen entstanden, sank Hölderlin in die Nacht. „Sollten aber dennoch einige eine solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders.“ So heißt es in einer Vorbemerkung, die sich auf der Rückseite des Titels der „Friedensfeier“-Handschrift fand. Er konnte nicht anders. Darum sind wir immer noch hinter seinen Worten her. Das müssen sich merken, die heute eine zu wenig konventionelle Sprache gebrauchen. Weil ihre Situation anders ist, darum auch ihre Beurteilung.