Als Kaiser Wilhelms Soldaten 1914 in Belgien einmarschierten, ging ein Schrei der Entrüstung durch die Welt: Deutschland hat die Neutralität gebrochen! War nicht laut Artikel I der Haager Konvention „Neutrales Gebiet unverletzlich“, und hatte Deutschland nicht Belgiens Neutralität ausdrücklich anerkannt und garantiert? England begründete seine Kriegserklärung an Deutschland mit der Verletzung der belgischen Neutralität, und Amerikas Sympathien schwenkten unter dem Eindruck dieses Ereignisses von den Mittelmächten zur Entente herüber.

Wie kommt nun 42 Jahre später ein amerikanischer Politiker dazu, die Neutralität eine „überholte und unmoralische Konzeption“ zu nennen? Gewiß, vier Jahrzehnte sind eine lange Zeit; aber eine so vollständige Umwertung der Werte ist selbst auf einem so labilen Gebiet wie dem der internationalen Moral ein ungewöhnliches Phänomen. Auf einer Pressekonferenz wurde Außenminister Dulles denn auch gebeten, sein Verdammungsurteil über die Neutralität zu erläutern. Er zog sich jedoch aus der Klemme mit der Bemerkung, dies werde nur zu „neuen Mißverständnissen Anlaß geben“. Im übrigen habe er schon fünfzigmal über Neutralität gesprochen „und sich dabei nie der gleichen Worte bedient“.

Es will einem nicht in den Kopf, daß ein Außenminister, der so oft über die Neutralität gesprochen und sicher noch öfter über sie nachgedacht hat, nicht sagen kann, wieso aus einer Tugend, ja aus etwas so Heiligem, daß seine Verletzung einen Kriegsgrund darstellte, ein Laster werden konnte. Und wenn Neutralität unmoralisch ist, welche Kennzeichnung verdienen dann offene Feindschaft, Aggression oder Präventivkrieg?

Das Dulleswort von der Unmoral der Neutralität hat aber die Begriffsverwirrung nicht verursacht, sondern nur deutlich werden lassen. Diese Verwirrung rührt daher, daß der Status der Neutralität so vielfältig und verschiedenartig ist, obgleich man von Neutralität spricht, als sei dies ein klar umrissener Begriff. Wieviel Ressentiments und ungenaues Denken steckt in Begriffen wie „halbe“ und „ganze“ Neutralität, halbem und ganzem „Neutralismus“. Ja, wer ist überhaupt in der Lage, den Unterschied zwischen Neutralität und Neutralismus zu definieren? Soll das Wort „Neutralismus“ überhaupt einen Sinn haben, dann nur als Passivform der Neutralität: neutral ist man, neutralisiert wird man. Ein souveränes, wiedervereinigtes Deutschland hätte selbstverständlich auch das souveräne Recht, keinem Bündnis anzugehören. Ein neutralisiertes Deutschland wäre zur Bündnislosigkeit verpflichtet. Eine solche Verpflichtung schon jetzt zu übernehmen, wäre ein Vorgriff auf Deutschlands zukünftige Souveränität – eine völkerrechtliche und politische Absurdität. Im klassischen Sinn neutral ist auf der ganzen weiten Welt heute nur ein einziges Land: die Schweiz. Sie ist im Frieden ebenso neutral wie im Krieg. Sie hat weder Verbündete noch ist sie Partner eines kollektiven Sicherheitssystems. Sie gewährt niemandem militärischen Beistand und erwartet ihn von niemandem. Aber gerade diese klassische Neutralität ist nach Ansicht von Außenminister Dulles ein Sonderfall und nicht unmoralisch! Wie ist es dann mit der „bündnisfreien Politik“ Schwedens (die Bezeichnung „Neutralität“ lehnt Stockholm ausdrücklich ab)? – Ist sie weniger moralisch als die „neutrale“ Politik der Schweiz? Man bedenke: Schweden, das im Gegensatz zur Schweiz Mitglied der UNO ist. Als alle UNO-Mitglieder aufgefordert wurden, etwas für Südkorea zu tun, schickte Schweden Ärzte und Ausstattung für ein Krankenhaus. Wäre Schweden in diesem Krieg ganz unparteiisch gewesen, hätte es entweder zwei Ausstattungen geschickt, eine nach Süd- und eine nach Nordkorea, oder gar keine!

Schon in der Theorie gibt es nämlich – was oft übersehen wird – zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Neutralität: konsequente Enthaltsamkeit (ich halte es mit keinem!) und konsequente Gefügigkeit (ich halte es mit allen!). In der Praxis sind die Varianten noch viel zahlreicher. Man denke zum Beispiel nur an Chruschtschows (in bezug auf Deutschland gemachte) Unterscheidung zwischen „Neutralität“ und „Neutralität gegen uns“. Auch das Völkerrecht kennt den Begriff der „wohlwollenden“ und daher auch den der nicht wohlwollenden Neutralität. Aber nach den Erfahrungen der baltischen Länder mit dem Moskauer Wunsch, „befreundete Regierungen“ an ihren Grenzen zu haben (der mit der Annexion dieser Länder endete), wird man gut daran tun, Chruschtschows Worten mit der gebührenden Skepsis zu begegnen.

Sogar Waffen und Munition darf der Neutrale liefern, vorausgesetzt, er liefert an beide Kriegführenden. Das kann man, wenn man will, unmoralisch finden, aber an diese Art der Unmoral dachte Dulles gar nicht. Was ihm vorschwebt, ist das Beiseitestehen eines Landes in einer weltweiten ideologisch-politischen Auseinandersetzung zwischen „friedlichen“ und „aggressiven“, „Freiheitlichen“ und „diktatorischen“, „guten“ und „bösen“ Nationen. Aber wenn heute ein Staatsmann von internationaler Moral oder Unmoral redet, so spricht er vom Balkon eines Hauses, das noch nicht steht und das zu bauen er in der Regel auch gar nicht die Absicht hat: das Haus der „Supranationalität“. Dabei braucht man nicht sofort an eine „Weltregierung“ und eine „Weltpolizei“ zu denken. Wohl aber sollte man an Institutionen wie den Weltgerichtshof denken und ihn zu Rate zielen, wenn es darum geht, festzustellen, wer in einem bewaffneten Konflikt der Angreifer ist und wer der Angegriffene. Die Entscheidung darüber, ob China sich durch seine Einmischung in den Koreakrieg einer Angriffshandlung schuldig gemacht habe, fiel in der Generalversammlung der UNO. Mehrere neutrale Staaten, darunter Schweden, enthielten sich der Stimme, womit sie durchaus nicht der Unmoral Vorschub leisteten, sondern nur zum Ausdruck bringen wollten, daß derartige Fragen nicht vor ein politisches Forum wie die Generalversammlung gehören, sondern vor ein juristisches wie das Weltgericht in den Haag.

In der Theorie wollen auch die Amerikaner die „Supranationalität“, aber in der Praxis erscheint ihnen das Opfer an Souveränität, das nötig wäre, um dieses Ziel zu erreichen, zu groß. Nicht nur die Sowjets weigern sich, ihr Vetorecht preiszugeben, Amerikaner und Engländer haben ebensowenig Lust, sich in Fragen, die ihre nationalen Interessen berühren, überstimmen zu lassen.