W. L., München

Januar 1956. Das staatliche Motorschiff „Herrsching“ schwamm auf dem Ammersee. Die Arbeiter waren von Bord gegangen. Ein Nachtwächter bezog seinen Posten, und leise knarrend rieb sich der Schiffsrumpf an den Holzpfählen, als der Wachmann nach Mitternacht vorbeikam. Es war das letzte, was er von der „Herrsching“ sah, denn bei Sonnenaufgang war sie nicht mehr da. Nur ein Teil der Aufbauten schaute noch aus cem Wasser heraus. Man vermutete Sabotage.

Die Polizei wurde eingeschaltet. Das bayerische Landeskriminalamt nahm die Ermittlungen auf und der Leiter der physikalisch-chemischen Abteilung erstellte ein Gutachten für die Kriminalaußenstelle Fürstenfeldbruck, auf das der Staatsanwalt schon wartete, denn der Attentäter sollte seiner gerechten Strafe zugeführt werden.

Aber das Verfahren wurde eingestellt. Die Polizei zog sich wieder zurück, das Schiff war wieder an die Oberfläche gebracht worden, und die Überholung der beiden Dieselmotoren, die unter dem Ammerseespiegel doch etwas gelitten hatten, erledigte die Versicherung mit 15 000 DM. Der professionelle Kriminalist Dr. Schöntag hatte nämlich feststellen können, daß ein Bodenventil versehentlich offengeblieben war.

Schließlich kam verspätet die Jungfernfahrt nach bischöflicher Weihe und am Bug zerschmetterter Sektflasche. Jedoch als das Boot wieder festmachte, war man um einige Erfahrungen reicher. Erfahrungen, die heute Gegenstand einer harten Auseinandersetzung zwischen dem bayerischen Staat und der Deggendorfer Werft sind. Das Schiff entsprach nicht den Anforderungen. Die Klarheit, die darüber anscheinend herrscht, steht in bemerkenswertem Gegensatz zu der Unklarheit darüber, was für ein Schiff das bayerische Wirtschaftsministerium eigentlich bauen lassen wollte. Das Hin und Her nahm kein Ende.

Heute will das Schiff keiner mehr haben, weil es angeblich kopflastig, zu langsam, seeuntüchtig ist. Die Deggendorfer Werft kann ihre staatlich genehmigten Baupläne vorweisen. Der Presse werden keine Informationen mehr gegeben. Den bayerischen Steuerzahler hat das Vergnügen 250 000 Mark gekostet.

Die „Herrsching“ liegt still. In ihrem Steven nisten die Schwalben, und auf Grund der jetzt schon „staatlich bescheinigten Seeuntüchtigkeit“ wird sich die Ammerseebevölkerung wohl kaum diesem Schiff anvertrauen.