Vor zehn Jahren wurde Eberhard Beckmann Intendant des Hessischen Rundfunks.

Seit es den Rundfunk in Deutschland gibt, stehen die Intendanten der Sender im Blickpunkt der Kritik. Der einen Hörergruppe ist das Programm nicht leicht, der anderen Gruppe nicht seicht genug. Und dann die Wünsche und Forderungen, die von den Parteien, den Institutionen, den Interessenverbänden, ja von den Regierungen kommen! Die Funkanstalten sollen dem Allgemeinen dienen und zugleich unabhängig sein. Geplagter Intendant! Als Verantwortlicher einer großen Organisation, die in ihrem Bereich Monopolstellung hat, muß er ein Verwaltungsfachmann sein; als Verantwortlicher eines Programms, dessen Darbietungen überwiegend aus dem Gebiet der Kunst stammen, muß er ein Künstler sein; da der Funk heutzutage der großen Masse das geistige Brot liefert, soll der Intendant ein Mann des Volkes, und da auch die Anspruchsvollen ihr Recht wollen, soll er ein Intellektueller sein. Weil viele Mächte dies, andere jenes erstreben, muß er ein Diplomat sein. Und weil er bei alledem die Freiheit des Funks verteidigen soll, muß er ein Charakter sein. Es ist offensichtlich, daß der Chef des Hessischen Rundfunks im Besitz all dieser Eigenschaften ist. Denn seit zehn Jahren steuert Eberhard Beckmann sein Schiff. Er blieb nicht unbehelligt von der Kritik, doch immer standhaft.

Welche Voraussetzungen in fachlicher Hinsicht an einen Rundfunkintendanten gestellt werden müssen, scheint heute noch nicht hinreichend klar zu sein. Und doch läßt sich am Beispiel Beckmanns manches erklären. – Er stand in einer Zeit, da er Lehrer für Theater- und Kunstgeschichte an der Frankfurter Schauspielschule war, der Bühne besonders nahe; und es mag sein, daß er deshalb frühzeitig die künstlerischen Möglichkeiten des Fernsehens erkannte, für dessen Entwicklung er sich energisch eingesetzt hat. Wichtiger aber ist wohl, daß Beckmann Journalist war: ein exzellenter Mann der Feder übrigens, ein Reporter besten Stils, begabt mit einem exquisiten Sprachgefühl, das sich gelegentlich in originell geprägten Gedichten voll von Humor und Ironie und Musikalität ausdrückt. Das heißt: Wer gute Funkarbeit leisten will, wird aus Erfahrungen der Zeitungsarbeit mehr Nutzen ziehen, als selbst aus der Kenntnis des Theaters. Er gibt sich mit Leidenschaft der Realität hin, dem Alltag, dem unaufhörlichen Wechsel der Ereignisse. Zu dieser journalistischen Leidenschaft trat bei Eberhard Beckmann noch die – bei den Gebildeten in Deutschland nicht allzuoft vorhandene – Fähigkeit, ein faszinierender, geistesgegenwärtiger Plauderer und Improvisator zu sein.

Dies machte ihn wie geschaffen für das Mikrophon, besonders in jenen, nicht den schlechtesten Funktagen, da die Bandaufnahmetechnik noch nicht erfunden war und das Wort den Hörer im selben Moment erreichte, in dem es gesprochen wurde.

Beckmann stammt aus Westfalen. Während seiner Studienzeit in Münster war er als Werkstudent einmal Bergmann, einmal Landarbeiter, ein anderes Mal Eisenbahner, ein weiteres Mal Bühnenbildner. Wer sich danach einen robusten, den extremen Lebenssituationen zugeneigten Menschen vorstellt, irrt gründlich. Der groß gewachsene, schlanke, sich mit Charme und Grandezza bewegende Mann ist eine sensible Natur, die, gäbe es den Funk und die – Politik nicht, am liebsten das Leben eines Ästheten geführt hätte.

Die Nazis hielten ihn in Haft und trieben ihn in die Stille. Um so größer war Beckmanns Aktivität, als es 1945 um den Aufbau des demokratischen Lebens ging. Auf dem Gebiet des Funks und des Fernsehens vertritt er die deutschen Interessen in internationalen Gremien. Und das Große Verdienstkreuz, mit dem die Bundesrepublik ihn für seine Bemühungen um den Deutschen Rundfunk auszeichnete, ehrt einen Mann, der an die Gemeinsamkeit der europäischen Völker glaubt und an die Würde einer echten Humanität. Jan Molitor