Berlin, im Juni

Das tiefgebräunte Dekolleté der Silvana Pampanini, den glatten Scheitel des Bundesinnenministers Schröder, Ivan Desneys himmlischen Smoking, Lilli Palmers sprechende Blicke, Garry Coopers Tigersprung auf die Bühne des Gloria-Palastes, das konnten bei Festspielbeginn die Filmschaffenden und beamteten Festivalisten sehen, denen die Festspielleitung die Plätze des Eröffnungskinos freihielt. Die Journalisten liebt sie offenbar nicht sehr,

Sie durften nur den „Kudamm“ ein paar Schritte hinauf in der „Filmbühne Wien“ einer Fernsehübertragung von der Verleihung des Bundesfilmpreises „beiwohnen“ und danach Gene Kellys Film Einladung zum Tanz sehen – den Eröffnungsfilm.

Kellys „Amerikaner in Paris“, der ihn in die Weltklasse rückte, wird hier technisch, farbig, choreographisch noch übertroffen – als Ganzes jedoch ist dieses neue Zaubergespinst großer Ballettomanie nicht so genial polyphon und zugleich einfach-liebenswürdig. Begründung tout de suite.

Zunächst ein Wort über die Preise. Als „hervorragender deutscher Spielfilm 1955“ Himmel ohne Sterne obenan, abermals also Helmut Käutner (im vorigen Jahr „Die letzte Brücke“). Gleichberechtigt daneben Teufel in Seide mit Lilli Palmer, die für diese Rolle den Preis der besten Hauptdarstellerin erhielt. Beide Filme bringen ihren Produzenten 150 000 Mark. Der große Bundesfilmpreis wurde nicht vergeben, zu Recht, denn es gab 1955 keinen überragenden deutschen Film.

Verdienen aber die beiden prämiierten die hohe Auszeichnung? „Himmel ohne Sterne“, das Drama der Zonengrenze ganz gewiß – schade, daß es auch hier zum vollendeten Kinokunstwerk nicht langte. Der letzte Teil, man erinnert sich, schwelgt etwas gar zu shakespearisch im Tragödienschlußmord und zeigt über viel zuviele Filmmeter schablonenhafte Verbrecherjagden. Eva Kotthaus, das junge Mädchen des durch die irre Grenze mitten durch Deutschland geschiedenen Liebespaares, wurde bestätigt als bester weiblicher Nachwuchsstar (belohnt mit 20 000 Mark). Das ist recht, obwohl sie von „drüben“ kommt und auch noch bei der DEFA dreht. Denn die Leistung, für die sie hier ausgezeichnet ist, war im besten Sinne des Wortes eine politische Tat zugleich mit der künstlerischen. „Teufel in Seide“ – na ja, ein ordentlicher Film, sehr gut gemacht, so gut wie ein auf Seide gearbeiteter guter alter psychologischer Roman.

Gut auch, daß Alibi (Regie: Alfred Weidenmann) als „überdurchschnittlicher“ Film mit 100 000 Mark bedacht wurde. Ein Film doch immerhin, der ein bißchen unter die Haut ging. Und die gleiche Auszeichnung noch für Ich denke oft an Piroschka, die süße, doch nicht süßliche Reminiszenz eines ergrauten Akademikers an romantische Studentenfreuden im Ungarischen (Regie: Kurt Hoffmann). Als „bester Drehbuchautor“ bekam Jochen Huth 20 000 Mark; Wolf gang Preiss erhielt gleich zwei Preise, als „bester Hauptdarsteller“, der Staufenberg im „20. Juli“ (CCC-Artur-Brauner-Produktion), und zugleich eine Prämie in der Sonderbewertung dieses Films, den „Sonderpreis für die Weckung staatsbürgerlichen Bewußtseins“. Hinsichtlich Preiss-Preis eine Fehlkonstruktion, denn doppelt gemoppelt hält hier nicht besser. Aber schön und weiterhin erfreulich, daß hier offiziell ein Filmpreis vergeben wurde, der die Widerstandshaltung gegen Hitler gutheißt und verehrt, denn es ist Zeit.