F. A., Tanger, im Juli

Tanger ist die einzige Stadt der Welt, die von acht Nationen regiert wird. Ein „Statut“ – die Akte von Algeciras vom 7. April 1907 – schuf die Internationale Zone von Tanger. Es ist ein Gebiet, das dem Scherifischen Reich angehört, aber in sich eine Sonderstellung einnimmt. Tanger weist auf 350 Quadratkilometern etwa 75 000 Musulmane auf, rund 60 000 Europäer und andere Weiße; eine sehr starke israelitische Gemeinde zählt über 14 000 Angehörige. Die Stadt Tanger besitzt 81 Banken und über 5000 Pro-Forma-Firmen.

In Tanger gibt es keinerlei Steuern, weder auf das Einkommen noch auf das Vermögen. Es gibt keinen Zwang zur Buchführung. Es gibt keine Bucheinsicht. Selbst Aktiengesellschaften haben nur ihren Aktionären Bericht und Bilanz zu erstatten, aber keiner anderen staatlichen oder städtischen Behörde. Außerdem ist Tanger ein neutrales Gebiet; es kennt keinen Militärdienst, keine Sozialabgaben, keine wie immer geartete Devisenbeschränkungen. Eine Aktiengesellschaft kann von zwei physischen Personen gegründet werden; eine einzige Person mag sie rechtsgültig vertreten. Alle Banken dürfen Nummern- und Buchstabenkonten in jeder beliebigen Währung führen.

Durch die Umwälzungen in Nordafrika pflanzte sich die Unsicherheit auch in dies steuerparadiesische Tanger weiter. Die Souveränität Marokkos war ein neues Gefahrensignal. Wohl ließ die Regierung in Rabat verlauten, daß die Sonderstellung Tangers weiterhin „grundsätzlich“ beibehalten werden soll – aber die Zusage läßt es an Klarheit mangeln. So begann in Zusage eine Baisse, die von den Grundstücken über die Mieten bis hin zum Vertrauen alles ergriff, was nicht niet- und nagelfest war. Da dies gerade für Gold nicht zutrifft, war das gelbe Metall denn der erste Großtransport-Kontrahent für alle Fluglinien, die Tanger bedienen. Soweit Frachtangaben vorliegen, wurden aus Tanger in den letzten fünf Monaten erheblich über 60 Tonnen Feingold ausgeführt – meist nach der Schweiz und Kanada. Da viele Verschiffungen nicht erfaßt werden, ist der Gesamtabfluß an Gold größer. Man wird ihn mit 300 Mill. DM eher zu niedrig bewerten.

Die marokkanische Regierung sollte durch diese sehr starke Reaktion etwas nachdenklich gestimmt werden. Aber dies Nachdenken führte zu folgender Klarstellung: Rabat betrachtet den Abzug dieser Kapitalien als bedeutungslos, da es sich um reine Fluchtgelder handelt, die in Marokko keinerlei Funktion im Sinne von Anlagegeldern ausübten. Ob diese Goldmengen in Tanger ungenutzt liegen oder sonstwo, hat für die scherifische Wirtschaft keinerlei Bedeutung. – Dieser etwas lapidaren und einfachen Betrachtungsweise steht die Erfahrungstatsache gegenüber, daß vielfach reines thesauriertes Fluchtkapital nach einer gewissen Zuwarte- und Informationsperiode doch wirkliche Anlage sucht und findet, so daß der Abzug der Kapitalien zweifellos negative Auswirkungen für die scherifische Wirtschaft haben muß. Erhebliche Anlagen in Marokko stammen aus ursprünglich in Tanger akkumulierten Mitteln.

Es ist eine Art Dämmerung im Paradies Tanger wahrzunehmen. Immobilien sind bis zu sechzig vom Hundert gefallen; ebenso die Mieten. Geplante industrielle Gründungen wurden aufgegeben. Die Besorgnis vor drastischen Maßnahmen der Regierung in Rabat, sobald das Statut endgültig aufgehoben werden wird, wirkt sich hemmend im gesamten Wirtschaftsleben aus. Dennoch – es ist immer noch soviel lokaler Reichtum in dauernder wirklicher Bewegung, daß die Krise zunächst mehr psychische denn monetäre Ursachen hat. Allerdings muß man erkennen, daß heute die Gesamtlage wesentlich anders ist als auch nur vor zehn Jahren. Alle Staaten haben nur das eine gemeinsame Interesse, die aus ihrem Bereich nach Tanger geflüchteten Kapitalien zu sich zurückfließen zu sehen, so daß von fremden Mächten keinerlei Intervention zur Aufrechterhaltung der steuerparadiesischen Prioritäten Tangers zu erwarten ist. Da die monegassischen Privilegien zweifelhaften Wertes sind, so bleibt wirklich nur noch die Schweiz und Kanada als Hortungsland; wobei es sich um Gold handeln muß, da ja alle anderen Kontenanlagen steuerlich erfaßt werden.