Von Erika Müller

A chtung! Wer ein Kino bauen will, der stelle seine Pläne einen Augenblick zurück und prüfe, ob er sein Geld nicht für ein Cinetarium anlegen soll. Ein Inserat: "Berücksichtigen Sie rechtzeitig die neuesten kinotechnischen Entwicklungen bei Ihren Theater-Neubauplänen. Schon heute können Sie das Kino der Zukunft bauen und Ihr Theater zu einer interessanten Sehenswürdigkeit machen." verspricht Auskünfte durch die "Deutsche Cinetarium GmbH, Hamburg".

Ich habe den Mann gesprochen, der die Idee für das Cinetarium hatte. Er sagte: "Es wird demnächst eine, große Überraschung geben. Das Cinetarium, das neue Raumkino, ist die Endstation der filmtechnischen Entwicklung. Nach Cinemaskope, Cinerama und TODD AO (das Kopien auf einem 70-mm-Film statt normal 35 mm macht und einen Breitfilm mit plastischer Wirkung ergibt. Der amerikanische Musicalfilm "Oklahoma" wurde nach diesem Verfahren gedreht), nach all diesen Versuchen, die Kinoleinwand in die Breite zu ziehen und Panoramaeffekte zu erzielen, nun das Rundumkino. Wie in einem Planetarium wird uns das projizierte Bild ganz umgeben. Das Geschehen wird um uns heraumlaufen. Die Zuschauer sitzen in einem Kugelbau auf drehbaren Stühlen unter einer riesigen Glocke, und rundherum, etwas. unterhalb der Kuppel, spannt sich die Leinwand, die aus einzelnen Folien von 30 cm Breite und mindestens zehn Meter Höhe besteht. Das Cinerama-Verfahren (es gibt außer in vielen amerikanischen Städten in London, Paris und Rom Spezialkinos dafür) benutzt drei Kameras für die Aufnahmen und drei Projektionsapparate, die die Bilder auf die halbkreisförmig gebogene Leinwand werfen. Wir benutzen die doppelte Zahl, um beim Zuschauer die vollkommene Illusion zu erwecken, daß er mitten in der Handlung steckt. Die Projektionsapparate hängen von der Mitte der Kuppel wie ein Kronleuchter herab und sind so angebracht, daß sie die Zuschauer keinesfalls blenden. Auch der Ton wird ihn von allen Seiten umgeben. Wie im Leben. Der natürliche Gesichtskreis des Menschen ist bedeutend größer als die Bildausschnitte der Filme bisher waren. Und er erweitert ihn durch seine Bewegungen dauernd. Kein Mensch sitzt natürlicherweise still. Wenn am Fenster etwas Interessantes auftaucht, sieht er hinaus. Wenn hinter ihm ein Geräusch ertönt, wendet er sich um, wenn jemand an die Tür klopft, blickt er in diese Richtung. Er ist immerzu in Bewegung. Der Kinosessel im Cinetarium, der sich um 360 Grad drehen wird, soll ihm seine Beweglichkeit erleichtern. Die notwendig neue Raumfilmdramaturgie muß selbstverständlich solche Filme für diese kreisförmige Leinwand drehen, daß die Zuschauer nicht in rotierende Bewegungen geraten.

Bei all den Verfahren der Panoramaprojektion", sagte der Erfinder, "ist in erster Linie beabsichtigt, den Zuschauer möglichst zentral in das optisch sichtbare Geschehen zu stellen und gleichzeitig das dadurch in verstärktem Maße erzeugte Realitätsgefühl durch eine echte Stereophonie, durch Töne und Geräusche von allen Seiten, zu vergrößern."

"Und was werde ich nun als Cinetariumbesucher zu sehen bekommen?" frage ich, als ich den Redefluß unterbrechen kann. "Ich sitze also in der Mitte unter der Kuppel, wenn ich Geld genug habe, denn dort befinden sich die teuersten Plätze."

"Der Zuschauerraum ist in Kreissektoren mit mindestens je 14 Sitzreihen eingeteilt", erläutert der Erfinder. "Auch von der äußersten Reihe hat man eine gute Sicht, wenn sich die Haupthandlung auf der gegenüberliegenden Leinwand abspielt."

"Aha", sage ich. "Also sehen wir einmal davon ab, was es in den äußersten Reihen nicht zu sehen gibt, wenn sich die Haupthandlung auf der unmittelbar davor befindlichen Leinwand abspielt. Was werde ich im Mittelpunkt zu sehen bekommen ?"