Da habe ich den Ministern gesagt: Nun schlafen Sie erst mal richtig aus und erholen Sie sich. Dann werden wir über die Regierungsbildung sprechen.“ Das war alles, was uns Staatspräsident Asgeir Asgeirsson bei einem Besuch in seinem sehr schlichten, bücher- und bilderreichen Heim in Bessastadir, einige Kilometer von der Hauptstadt Reykjavik entfernt, über die innerpolitische Lage verraten wollte. Der Führer der Fortschrittspartei, Hermann Jonasson, befolgte den Rat des Präsidenten, packte die hohen Gummistiefel ein und fuhr zunächst einmal auf Lachsfang. Jetzt, am 21. Juli, konnte er die Bildung seiner Regierung, eine Koalition aus Fortschrittlichen, Sozialdemokraten und Vereinigter Arbeiterpartei bekanntgeben. Er hat damit etwas zustande gebracht, was bisher in den Annalen der NATO-Mitgliedstaaten noch nicht verzeichnet war: eine Regierung unter Beteiligung der Kommunisten.

Dort, wo die Sonne im Sommer 22, im Winter zwei Stunden über dem Horizont steht, wo ein Drittel der Bewohner jährlich einmal das Flugzeug benutzt, weil es keine Eisenbahnen gibt, wo man die gleiche Sprache spricht, in der vor sechshundert Jahren die Stabreime der Sagas gedichtet wurden, da gelten offenbar andere Maßstäbe als auf dem amerikanischen Kontinent, den isländische Wikinger entdeckten, oder in Europa, woher die norwegisch-irischen Siedler einst kamen. So ist es auch bei Regierungsbildungen. Der neue Ministerpräsident Jonasson ist Führer der einzigen Partei, die bei den Wahlen absolut und relativ Stimmen einbüßte. Der „Verlierer“ der Wahlen aber, der bisherige Ministerpräsident Olafur Thors, Führer der Unabhängigkeitspartei, errang am 24. Juni seinen größten Sieg: 42 v. H. der Wählerschaft stimmten für ihn, während es 1953 nur 37 v. H. gewesen waren. Die siegende Partei bildet nun die Opposition!

Der übrigen Welt würde es recht gleichgültig sein, wie 160 000 Isländer regiert werden, läge die Insel nicht an einer strategisch wichtigen Stelle im Nordatlantik zwischen Grönland und Skandinavien und wären die Wahlen nicht für und wider das isländisch-amerikanische Verteidigungsabkommen vom Mai 1951 ausgefochten worden, auf Grund dessen etwa 4000 Amerikaner in Keflavik (55 km von der Hauptstadt entfernt) stationiert sind. Die Amerikaner haben Keflavik mit einem Aufwand von 150 Millionen Dollar ausgebaut. Es dient auch als Zivilflughafen für den Verkehr Skandinavien–Nordamerika. Ganz Island ist ein idealer vorgeschobener Radar-Warnposten. Als Flug- und Marinestützpunkt sichert Keflavik zudem die amerikanisch-europäischen See- und Luft Verbindungen gegen etwaige Eindringlinge aus arktischen Bezirken.

Für die Isländer, die sich nach Tradition und Geschichte als skandinavisches Glied der Familie freier Völker fühlen, ist es schlechthin eine Lebensfrage, nach allen Seiten freie Verbindungen uu haben und nicht etwa ausschließlich auf die Sowjetunion angewiesen zu sein. Sie ist zwar heute, nachdem die Engländer wegen des Streites um die Ausdehnung der isländischen Seegrenze von drei auf vier Seemeilen, die Einfuhr isländischer Fische boykottieren, zum wichtigsten Abnehmer isländischer Frischfische im Austausch gegen Mineralöl geworden. Aber der plötzliche Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen 1949 beim Eintritt Islands in die NATO war ein Warnzeichen. Man wünscht keine wirtschaftliche Abhängigkeit von der Sowjetunion und hofft, daß England den Boykott der isländischen Fischer – eine ungewöhnliche Maßnahme gegen einen NATO-Bruder! – nun endlich aufheben wird.

Die Isländer sind der Meinung, sie könnten sich heute wieder auf die Zusicherung berufen, die ihnen beim Eintritt in die NATO von den Amerikanern gegeben wurde: daß sie in Friedenszeiten keine ausländischen Truppen zu dulden brauchen. Diese Abmachung bildet den Kern des Beschlusses, den das isländische Parlament am 28. März faßte, nämlich das gegenwärtige Verteidigungsabkommen zu kündigen. Am 1. August werden die Verhandlungen mit den Amerikanern und der NATO beginnen. Wird dabei kein Kompromiß gefunden – und die Linksregierung mit dem Sozialdemokraten G. Gudmundsson als Außenminister wird ein sehr schwieriger Verhandlungspartner sein –, so müssen die Amerikaner binnen zwölf Monaten, also bis zum 31. Januar 1958 die Iceland Defense Forces zurückgezogen haben.

Island bleibt aber auch dann verpflichtet, die Einrichtungen des Stützpunktes so zu pflegen und instand zu halten, daß sie bei Eintreten des Bündnisfalles nach den Artikeln V und VI des Nordatlantikvertrages sofort verfügbar sind. Offen ist nur, ob die Isländer diese Instandhaltung mit eigenen Kräften ausführen oder ob sie, wie es in Artikel VII des Verteidigungsabkommens heißt, die Vereinigten Staaten dazu ermächtigen wollen. Selbst die Ägypter haben zugestimmt, daß einige Tausend Engländer in Zivil die militärischen Anlagen der Suezkanalzone instand halten. Ähnlich hat man sich die „Lösung“ auch in Reykjavik vorgestellt. Schon jetzt arbeiten Isländer und Amerikaner gemeinsam auf der Meteorologischen Station in Keflavik, und ein Isländer hat die Verantwortung für den Kommandoturm, der allen zivilen und militärischen Flugzeugen die Start- und Landeweisungen funkt. Auch die drei Radarstationen kann man von Ingenieuren bedienen lassen, und Flugzeuge, die zur Beobachtung von Eisbergen entsandt werden, können auch auf fremde Schiffe ein Auge haben. Wenn die Regierung Jonasson jetzt die Erfüllung von Abmachungen verlangt, die Island von Anfang an zugestanden wurden, so folgt sie dabei einem allgemeinen Zug der dänischen und norwegischen Politik in Richtung auf „Neutralität innerhalb der NATO“. Auch die Regierung Jonasson fühlt sich der Atlantischen Gemeinschaft verpflichtet und sie wird sich an jene Entschließung vom 28. März halten, in der es heißt: „Das isländische Volk wird in Sicherheitsangelegenheiten“ – also nicht nur in den eigenen Sicherheitsfragen – „mit seinen Nachbarnationen zusammenarbeiten, unter anderem durch Mitarbeit in der NATO.“ Egon Heymann