R. H., Ratzeburg

Ein kleines, altes Haus, dessen vorgezogenes Dach auf vier Säulen ihm die Stimmung eines nobelbescheidenen Herrenhauses gibt, steht in Ratzeburg hinter der Stadtkirche. Aus den Hinterfenstern der alten Kaserne, die daneben liegt, betrachteten am vergangenen Sonntagmittag dort wohnende Flüchtlingsfrauen den Übertragungswagen des Rundfunks und die von außerhalb gekommenen Gäste, die in das alte Haus hineingingen. Das neue Schild an der Gartenpforte mit der Aufschrift "Ernst-Barlach-Gedächtnisstätte" hatte ihr Interesse nur mäßig erregt. Die eingesessenen Ratzeburger hingegen wissen, daß Barlach ein berühmter Sohn ihrer Stadt ist, der auf ihrem Friedhof begraben liegt. Sein "Betender Klosterschüler", der als sein Grabmal aufgestellt wurde, ist ihnen aufgefallen. Der alte Friedhofswärter, kurz nach Barlachs Begräbnis im Jahre 1938 listig befragt, sagte damals: "Das soll ja ein berühmter Künstler gewesen sein, aber sie sagen, er hat sich nicht gut mit diese Regierung gestanden. Versteht man gar nicht recht, nicht?"

Inzwischen weiß man hier – nicht zuletzt durch die Arbeit der Ernst-Barlach-Gesellschaft, die 1946 gegründet wurde – mehr über den Künstler, dessen Vater in Ratzeburg Arzt war. und der diese kleine Stadt als seine Heimat empfunden hat, obwohl er hier nicht geboren ist und nur acht Jahre seiner Kindheit hier verlebte.

Nun ist am letzten Sonntag aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Ernst-Barlach-Gesellschaft die Gedächtnisstätte in seinem alten Vaterhaus der Öffentlichkeit übergeben worden. Drei neuhergerichtete Räume im Erdgeschoß sind als kleines, sehr würdig eingerichtetes Museum mit Plastiken und Zeichnungen Barlachs zu besichtigen. Zur Eröffnung wurden alte Schallplatten übertragen, auf denen Ernst Barlach selbst Erzählungen und eine Szene aus seinem "Findling" las. Es war schade, daß seine Stimme durch technische Mängel kaum verständlich durch die Zimmer hallte. Als diese Räume in den achtziger Jahren noch die Wohnzimmer der Familie Barlach waren, werden die Stimmen hier sanfter geklungen haben.

Ein Junge, der Ernst Barlach hieß, spielte damals in dem kleinen Garten – und ein Junge, der Ernst Barlach hieß, stand da auch an diesem Sonntag und sah sich die vielen Leute an. Er wohnt seit kurzer Zeit oben in dem alten Haus. Sein Vater, Barlachs Sohn Klaus, verwaltet die Gedächtnisstätte.