Nordamerika hat mehr als 14 Mill. Ballen Rohbaumwolle auf Lager, die sich aus den Oberschüssen der Ernten der letzten Jahre angesammelt haben. Der Kongreß ermächtigte das Landwirtschaftsministerium, 5 Mill. Ballen an ausländische Interessenten zu verkaufen. Die Commodity Credit Corporation hat daher als erste Maßnahme den Exportpreis für Rohbaumwolle um 10 cents je Pfund (lb) ermäßigt.

Der britische Ministerpräsident Sir Anthony Eden hat in einer Rede im britischen Baumwollindustriezentrum von Lancashire betont, daß seine Regierung "fortgesetzt" in Washington gebeten habe, die durch das amerikanische Massenangebot hervorgerufene Unsicherheit auf dem Baumwollmarkt zu beseitigen. Andere Länder, wie zum Beispiel Mexiko, wurden noch deutlicher. Sie erklärten: Die Maßnahmen der USA zur Verringerung ihrer Baumwollbestände seien eine direkte Bedrohung ihres Handels.

Wohin diese Verkaufspolitik der USA führen kann, zeigt Japan, das im vergangenen Jahr überschüssige Baumwolle im Wert von 18,7 Mill. $ zu günstigsten Preisen kaufte und in Jen bezahlte. Die japanische Baumwollindustrie, die bereits den Vorteil niedriger Arbeitslöhne besitzt, ist durch diese Einkäufe in der Lage, die Preise für Baumwollstoffe und fertige Blusen noch weiter zu ermäßigen. Der Export japanischer Baumwollstoffe nach den USA betrug im vergangenen Jahr 100 Mill. Quadratyards und 4 Mill. Dutzend fertiger Baumwollblusen.

Diese Überschwemmung des einheimischen Marktes hat nun die amerikanische Baumwollindustrie auf den Plan gerufen. In einzelnen Südstaaten wurde nicht nur eine regelrechte Boykottbewegung inszeniert, sondern auch durch Landesgesetze (wie zum Beispiel in Süd-Karolina und Alabama) legalisiert. Hier müssen, Einzelhandelsgeschäfte, die japanische Textilien verkaufen, an gut sichtbarer Stelle in großen Buchstaben ein Schild mit der Beschriftung anbringen: "Hier werden japanische Textilien verkauft."

Da der Blusenpreis, der in den USA anfangs 78 cents je Stück betrug, allmählich auf 1,98 $ gestiegen ist, hat die Nachfrage erheblich nachgelassen. So fiel es der Selbstkontrolle der japanischen Baumwollexporteure nicht sehr schwer, den Export von Blusen freiwillig auf 1,5 Mill. Dutzend zu beschränken. Für die japanische Baumwollindustrie ist es wichtiger, billige Rohbaumwolle aus den Staaten zu beziehen, als den Export von Baumwollstoffen und fertigen Blusen dorthin zu forcieren.

Japan wird durch den Bezug billiger amerikanischer Rohbaumwolle seine führende Stellung als größter Exporteur der Welt von Baumwolltextilien jedoch noch weiter festigen. 1955 exportierte es 1,139 Mill. Quadratyards Baumwollstoffe, Indien 750 Mill., gefolgt von England mit 555 Mill. und den USA mit 550 Mill. Quadratyards. Für alle Länder, mögen sie Rohbaumwolle erzeugen oder verarbeiten, bleiben aber die gewaltigen Bestände der USA-Regierung an überschüssiger Rohbaumwolle ein beunruhigender Unsicherheitsfaktor.

Auf Grund der jüngsten Entwicklung in Ägypten dürften die amerikanischen Baumwollbestände bei den vom Westen erwogenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Kairo sogar eine bedeutende Rolle spielen: Man will den Absatz ägyptischer Baumwolle boykottieren und den Weltmarkt mit USA-Baumwolle zu Dumpingpreisen überschwemmen. E. K.