Das Geld für Anlagezwecke bleibt weiterhin knapp, aber es ist nicht so, daß an den Börsen günstige Anlagemöglichkeiten außer acht gelassen werden. Die Frage allerdings, was gegenwärtig "preiswert" ist, wird niemand mit Sicherheit beantworten können. Mit einer Ausnahme vielleicht, denn über die neue 8prozentige Bosch-Anleihe gibt es kaum geteilte Meinungen. Die Tatsache, daß sie mit 99 1/2 bis 100 v. H., also über dem Emissionskurs, gehandelt wird, zeigt doch deutlich, was dem Anleger ein solches Papier wert ist. Viel weniger einhellig ist dagegen die Ansicht über das Kursniveau der Hauptaktienwerte, das sich immer mehr nach der Rendite auszurichten beginnt. Die Spannungen um den Suezkanal, die an den Weltbörsen zu Kursstürzen – namentlich in den Ölaktien führte – machte sich auf den deutschen Wertpapiermärkten lediglich in einer verstärkten Abgabeneigung der ausländischen Kundschaft bemerkbar, von der ausschließlich die "internationalen" Werte betroffen waren.

Die Tatsache, daß die Bosch-Anleihe zu einem großen Teil von Ausländern gezeichnet worden ist, hat das Vertrauen der Kundschaft zu den festverzinslichen Papieren wieder gestärkt. Der Kauf festverzinslicher Werte durch das Ausland dokumentiert das Vertrauen in die D-Mark. Wenn das Ausland – angelockt durch den besonders im internationalen Geschäft als hoch zu bezeichnenden Zinssatz – an die D-Mark glaubt, so haben wir keinen Grund, es nicht zu tun. Nachdem sich diese Auffassung durchgesetzt hat, erwartet die Börse mit Spannung weftere Industrieanleihen mit ähnlichen Konditionen wie bei Bosch. Als in Frage kommende Gesellschaft wurden Ford, BMW und auch AEG genannt, doch war von diesen Unternehmen bislang eine Stellungnahme zu diesen Versionen nicht zu erhalten. Im Zweifel ist man sich darüber, ob man die neuen Anleihen mit den gleichen günstigen Bedingungen wie die Bosch-Emission ausstattet oder ob man sich von "oben" an den marktgerechten Zins herantasten wird. Ein kürzlich mit einem’ rheinischwestfälischen Werk abgeschlossenes Schuldscheindarlehen – mit einem Zinssatz von 8 1/2 V. H. läßt derartige Befürchtungen vorläufig zurücktreten. Klöckner-Humboldt-Deutz soll noch in dieser Woche mit einer 8prozentigen Anleihe herauskommen. In Börsenkreisen spricht man davon, daß diese Emission im wesentlichen an Versicherungsgesellschaften gehen wird, welche die Stücke an Stelle bereits zugesagter Schuldscheindarlehen nehmen wollen. Für die freie Zeichnung wird wenig Material zur Verfügung stehen.

Bei den Aktien kam es nur zu begienzten Anlagekäufen. Im allgemeinen überwogen die Abgaben, so daß in den Hauptwerten neue Kursverluste eintraten. Besonders belastet waren zeitweise die Montanpapiere. Spekulationen auf den Ausgang der kommenden Bundestagswahlen, durch die die Möglichkeit von Sozialisierungen in der Schwerindustrie wieder ins Gespräch kamen, führten hier zu Abgaben. Dadurch würden die Montanwerte zu den Pa: pieren mit der heute höchsten Rendite auf dem Aktienmarkt. Das war wiederum der Anlaß zu Meinungskäufen des Berufshandels. Immerhin hat die im nächsten Jahr stattfindende Wahl bereits heute Einfluß auf das Wertpapiergeschäft genommen. Die hieraus resultierende Unsicherheit dürfte es durch die nächsten 12 Monate ständig begleiten. Enttäuscht war die Börse von dem jetzt vorliegenden, aber noch nicht für die Öffentlichkeit freigegebenen Abschluß der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, der eine Dividende von 6 v. H. vorsieht. Eine kleine Erhöhung war allerdings erwartet worden. Der Aktienkurs fiel auf 126 3/4 v. H. zurück. Zu einem Aufleben der Interessenkäufe kam es bei Hüttenwerke Siegerland, Ruhrstahl und Gußstahl Witten. Allerdings fielen die Kursveränderungen kaum ins Gewicht. Anders stand es dagegen bei Dessauer Gas (Conti-Gas). Hier war ein potenter Käufer im Markt, der den Kurs von 275 auf 290 v. H. brachte. Mit dieser Aufwärtsbewegung bringt die Börse den schon sehr bekannten Bremer Kaufmann Hermann Krages in Zusammenhang.

Während die großen IG-Farben-Nachfolgegesellschaften in der vergangenen Woche größtenteils auf der Stelle traten, kam es bei Cassella zu einem Rückschlag (300–271 v. H.). Die Abgaben stammten von Aktionären, die ihre auf diesem Papier noch liegenden Gewinne sicherstellen wollten, um Aktien mit weniger Kursrisiko zu erwerben. Da die bisherigen Interessenten (BASF, Hoechst und Bayer) nicht bereit waren, zu den bisherigen Kursen Material aufzunehmen, trat ein empfindlicher Rückschlag ein. Wieder ein Beispiel dafür, wie verlustreich es sein kann, sich zu spät von einem Papier zu trennen! Die IG-Farben-Liquis fielen erstmals seit langer Zeit wieder unter die 33-Prozent-Grenze. Der Grund: einmal brachte die Aktionärsversammlung des IG-Farben-Konzerns i. A. keinerlei neue Gesichtspunkte, die einen Optimismus für die Liquis-Inhaber rechtfertigen, zum anderen ist noch insofern eine Erschwerung eingetreten, als die USA die Frage der Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums wieder einmal auf Eis gelegt haben. Damit erklärt sich auch der neuerliche Rückgang – bei Schering um etwa 8 bis 9 Punkte auf 267 v. H.

Am Markt für Spezialpapiere war es in der abgelaufenen Woche still. Bankaktien veränderten sich nur wenig, Elektrowerke tendierten uneinheitlich. Bei den festverzinslichen Papieren konnten die Auslandsbonds kleinere Gewinne erzielen. Anlageinteresse fanden die Industrieanleihen, während Pfandbriefe (aus der Altsparerentschädigung) angeboten waren. -ndt