Churchill selber hat bisher den Marlborough, die umfangreiche Darstellung des Lebens und des Zeitalters seines Ahnherrn, als den wesentlichsten Beitrag seiner geschichtlichen Forschungen angesehen. Jetzt nun, in seinem 82. Lebensjahr, überrascht er die Welt mit einem neuen Werk, das in Form und Inhalt, in der Wucht der Sprache, in dem Flug und in der Präzision der Gedanken sein Hauptwerk zu werden verspricht. Der erste Band dieses Werkes, das er in richtiger, aber nicht gerade übertriebener Bescheidenheit "Eine Geschichte der englischsprechenden Völker" nennt, umfaßt die Spanne von der Urgeschichte der Britischen Inseln bis zum Jahre 1509, dem Tod König Heinrichs VII. und stellt alles, was wir bisher von Churchill zu lesen bekamen, in den Schatten.

Es mag sein, das zünftige Geschichtsforscher dem Autor gelegentliche Ungenauigkeiten werden nachweisen können, aber der Wert historischer Werke beruht ja nicht nur auf den dargestellten Tatsachen, sondern ganz wesentlich auch auf dem Verhältnis des Verfassers zu den geschilderten Ereignissen. Das Einmalige des neuen Werkes ist es gerade, daß hier einer der größten Staatsmänner unserer Zeit am Abschluß seines Lebens in meisterhafter Form (von einer Reihe von Fachleuten unterstützt) die Geschichte der Völker seines Sprachgebietes darstellt. Auch Mommsen ist noch immer der bedeutendste Historiker deutscher Sprache, selbst wenn einige seiner Erkenntnisse durch die neuere Forschung und durch Ausgrabungen widerlegt sein mögen.

Churchill hat, wie wenige in unserem Zeitalter, Geschichte gewissermaßen von innen her entstehen sehen. Er hat Geschichte gemacht und Geschichte geschrieben. Hat erlebt, wie Pläne geboren und durchkreuzt wurden, wie wohlerwogene oder unbedachte Handlungen großer Persönlichkeiten Unglück über ein Volk brachten und wie der Zufall unbekümmert um geschichtliches Wollen und Wünschen Fakten schuf, die oft dauerhafter waren als sorgfältiges Planen. Sir Winston verleugnet keineswegs seine Helden Verehrung; immer wieder aber reizt es ihn darzustellen, von welchen Zufällen der Ruf des Heldentums und dessen Zerstörung abhängen; wie wichtig subjektives Heldentum für die moralische Entwicklung eines Volkes ist und wie wenig Bedeutung es meist für die objektive staatliche Entwicklung hat. So sagt er über den Kreuzzug von Richard Löwenherz:

"Von nun an stellte der König zum Wohle des Heiligen Grabes praktisch das ganze Reich zum Verkauf. Er verkaufte und verkaufte immer wieder jedes einzelne Staatsamt."

Mit außerordentlicher Objektivität und großer Stärke des Ausdrucks berichtet er über das tragische Ende dieses Königs, der, von einem Pfeil tödlich getroffen, stirbt:

Während sieben Jahren hatte Richard Löwenherz nicht gebeichtet, weil er fürchten mußte, die Kirche werde ihn zwingen, sich mit Philipp von Frankreich zu versöhnen; jetzt aber empfing er die heiligen Tröstungen der Kirche mit tiefer und beispielhafter Frömmigkeit und starb in seinem 42. Lebensjahr am 6. April 1199 (nachdem er zuvor dem inzwischen gefangengenommenen französischen Bogenschützen, der ihn tödlich verletzte, verziehen und ihn mit einem Geldgeschenk entlassen! hatte). Nach Ansicht aller Menschen war Richard Löwenherz würdig, mit König Arthur und Roland und anderen Helden der kriegerischen Romanzen an einer Tafelrunde zu sitzen, die der Schöpfer dieser Welt in seiner Weisheit – wie wir zuversichtlich hoffen möchten – nicht vergessen haben wird, irgendwo bereitzustellen.

(... worthy, by the consent of all men, to sit with King Arthur and Roland and other heroes of martial romance at some Eternal Round Table, which we trust the Creator of the Universe in His comprehension will not have forgotten to provide.)