Schwellend grünes Land der Normandie, dunstverhangene Ferne, Wind, der gleichzeitig Heugeruch und Atem des nahen Meeres heranträgt, graublaue Schieferdächer niedriger Häuser, die sich um ein Schloß und eine Kathedrale scharen: Eu.

Dieser kleine verschlafene Ort ein "Punkt der Gegenwart"? Denn zu einem Schnittpunkt geistiger Auseinandersetzung wurde im Juli das Schloß d’Eu, wo sich französische, englische und deutsche Schriftsteller und Journalisten trafen, um an einem Kolloquium des Institut Collegial d’Etudes Françaises et Europeennes teilzunehmen. M. Gilbert Gadoffre, Professor für französische Geistesgeschichte an der Universität Manchester, hatte das Institut 1947 gegründet, um Gespräche von europäischen Denkern und Künstlern zu ermöglichen.

Als deren Vertreter bei diesem Zusammentreffen waren M. Beuve-Méry gekommen, Direktor der Pariser Tageszeitung "Le Monde"; der Filmkritiker André Bazin, der Kunstkritiker Boris de Schloezer und der literarische Avantgardist Alain Robbe-Grillet. Es kamen aus England der Schriftsteller Philip Toynbee, Sohn des großen Historikers, und der Dozent für französische Literatur in London, John Weightman. Da war schließlich Deutschland vertreten durch Kyra Stromberg und Karl Korn. Sie alle und noch einige andere mehr wollten keine Routinetagung, kein Forum abhalten, sondern acht Tage "nur" beisammen sein, um sich aneinander zu orientieren und wohl auch zu messen.

Dennoch mußte ein Thema gestellt werden, um das lose Mit- und Nebeneinander zusammenzuhalten, und es lautete – anspruchsvoll und Erwartungen erweckend – nicht anders als: "Der Bruch mit der Nachkriegszeit." Da waren der Tage nicht zu viele, um dieses Thema aus der Sicht der Malerei, der Musik, des Films und – das war bei dieser Zusammensetzung des Teilnehmerkreises das Wesentliche – der Literatur abzuhandeln, zu avisieren, aber nicht zu erschöpfen. Beuve-Méry stellte fest, und das sollte sich auch in den folgenden Gesprächen für den ganzen Themenkreis als Schlußformel beweisen, daß die Bangigkeit der Nachkriegszeit im Schwinden begriffen und ein neues psychologisches Klima der Sicherheit im Entstehen begriffen sei. Es blieb Harold King, Direktor der Reuter-Presseagentur, vorbehalten, darauf die optimistische Bemerkung (oder den Franzosen allein ein Kompliment?) zu machen von dem Weg der Genesung, den Europa beschreite. Er glaubte – nein, er sagte, Frankreich sei voller Kraft und Vitalität. Sie allein sei wichtig, um Frankreich eine Wiederentdeckung seiner Führerrolle zu ermöglichen.

Dieser Auftakt, mit solchen Kernsätzen gespickt, hätte für Jonesco einen schönen Faden für sein Referat über das Theater abgeben können. Wer ist Jonesco? Der erfolgreichste der jungen französischen Dramatiker, nachdem die positive Kritik des arrivierten Bühnenschriftstellers Anouilh im Figaro Litteraire auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Wo ist Jonesco? Er ist noch nicht angekommen. Warten auf Jonesco. Er ist, so hieß es dann, in Spanien und würde nicht kommen. Kein Lorbeer für Jonesco.

Marcel Aland, Direktor der Nouvelles Revue Françaises, springt ein. Man war überrascht, zu hören, daß Kleist und Georg Büchner, Schiller und auch Shakespeare in Frankreich volle Häuser machten und wegen der modernen Inszenierungen starke Resonanz fänden.

Errgend, was danach der belgische Musikkenner André Sauris aus dem Reich der Musik zu berichten hat – ein so bewegtes Experimentierfeld und doch die traditionellste der Künste. Auch er knüpft an das Resultat des eröffnenden politischen Gesprächs an: "Der Musik ist heute der ,Sprung‘ in eine neue Sphäre gelungen. – Nein, nicht Sphärenmusik; nur der Konzertsaal wird heute in Form einer Sphäre gebaut." Bruch mit der Wiener Schule, mit der Zwölftonmusik, Musik ohne Instrumente: Elektronenklänge aus Lautsprechern...