Von Stefan Andres

Stefan Andres, der vor kurzem seinen 50 Geburtstag feierte, hat soeben den letzten Band seiner Sintflut-Trilogie fertiggestellt, aus dem wir hier die 13. Legende im Vorabdruck bringen. Der Band wird, nachdem bereits 1949 und 1951 die ersten beiden Teile erschienen, im nächsten Jahr vom Piper-Verlag herausgegeben.

Noahs einziger Sohn, den er von einer Magd hatte, Nuki, der Sohn Zizis, war bereits seit einiger Zeit mit Sil, der Tochter Olas, verheiratet. Als Eewos Bruder war Nuki zugleich der Bruder und der Schwager Sems, und indem er Sil, die Schwester der Tara, zum Weibe hatte, war er ebenfalls mit Japhet, seinem Bruder, verschwägert. Doch ließen Sem und Japhet ihren Bruder und Schwäher Nuki es immer wieder wissen, daß er weder Noahs vollbürtiger Sohn noch ihr ebenbürtiger Bruder sei, und sie erniedrigten ihn, wo sie konnten. Da ließ Noah eines Tages die Seinen zusammenkommen und sprach zu ihnen: "Ihr seid alle aus derselben Flut errettet und alle auf dieselbe Weise! Oder irre ich mich auch darin? Hat mich der Freundliche nicht aus Tarunga nach Ur geführt? Und habe ich nicht dem Freundlichen geglaubt und mit euch die Arche gebaut? Und hat sie uns nicht alle heimgebracht, Tali ausgenommen, die zum Freundlichen entrückt wurde? Wenn ihr nun auf dieselbe Weise aus derselben Flut errettet wurdet, warum betrachtet ihr euch nicht als Auserwählte und ehret euch untereinander als das, was ihr seid? – Samenkörner in der Hand des Freundlichen, dazu bestimmt, das wüste Land am Tara aufs neue mit Leben zu erfüllen."

Darauf stellte Noah seinen Knecht Nojadohu vor die Seinen und rief nach seiner Tochter Sina, die er von Hihiwanga hatte und sprach: "Diese meine Tochter Sina hat noch keinen Mann. So sollen die beiden Mann und Frau werden, mein Knecht, der vielgetreue, und die Tochter meiner Magd, denn das Land am Tara verlangt nach Menschen." Alsbald richtete Noah zur Hochzeit seiner Tochter mit Nojadohu ein großes Fest, es war das erste, das sie auf der neuen Erde feierten.

Noah aber hatte auf das Holz des Altars einen abgehäuteten Widder gelegt. Als die Frauen nun kamen und das Opferfest beginnen sollte, flog eine Wolke vom Himmelsrand heran, wuchs in die Höhe wie ein weißer Pilz und näherte sich der Opferstätte. Nie hatte sich der Himmel nach der Flut so dunkel verhüllt, nie waren Wolken in solcher Größe und Schnelligkeit aufgestiegen und in derart unheimlichen Farben. Die Gestalt der Wolke vollends, die mittlerweile die Formen eines ungeheuren, bleichschimmernden Steinbeils angenommen hatte, erweckte in allen Herzen Furcht, und selbst Noah konnte, als er die Erregung der Seinen zu beschwichtigen suchte, das Zittern in seiner Stimme nur mühsam bändigen. Stets aufs neue beteuerte er, der Freundliche wolle sie nicht ängstigen, er spiele nur mit seiner Welt, gewaltige Spiele, zu groß für die Menschen, aber – so wiederholte er viele Male, während das Rollen des Donners zunahm und die Blitze immer greller züngelten – "ihr braucht euch nicht zu fürchten!"

Aber sie fürchteten sich trotzdem, und einige, darunter auch Sem und Japhet, deuteten an, daß der Freundliche doch über irgend etwas, das sie getan, erzürnt sei. Sie sagten zwar nicht: über die Ehe zwischen dem Knecht Nojadohu und der Tochter Noahs, aber für Noah war ihre Rede deutlich genug. So rief er, und da der Donner mitredete, mußte er laut rufen: "Ihr wißt es, daß der Freundliche nicht durch Talis Thron gesprochen hat, weder um uns zu drohen, noch um uns zu verzeihen. Warum soll er aus dieser Wolke zu uns sprechen? Darum seid still und opfert mit mir."

Damit stieß Noah die Fackel, die ihm Sem reichte, in den mit Werg und Reisig durchsteckten Holzstoß. Aber kaum, daß das Feuer aufgezüngelt war und am Holz zu lecken begann, krachte, bebte und flammte die Opferstatt, daß alle geblendet und betäubt zur Erde stürzten und wie tot liegen blieben. Ebenso jäh zerbrach die Wolke über ihnen, und als sie, von dem kühl stürzenden Wasser geweckt, sich aufrichteten, bemerkte Noah, daß das Opferfeuer erloschen war. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Da sprach Noah: "Sem, überliefere uns die reine Lehre!" Als Sem die Worte der Überlieferung gesprochen hatte, sagte Noah: "Das Holz ist naß geworden durch die Wolke des Freundlichen. Unser Opfer aber, das weiß ich nun, hat er nicht angesehen, – es ist kein Opfer, das ihm gefallen könnte. So will ich nun dem Freundlichen das opfern, was ich bisher in meinem Herzen zurückhielt und ihm nicht schenken wollte. Räumt den Widder fort!" Als die Söhne das geschlachtete Tier entfernt hatten, griff Noah mit beiden Händen unter seinem Gewand nach seinem Herzen. Von hier hob er wieder die Hände, als wären sie mit etwas Unsichtbarem gefüllt, langsam über den Opferstein und sprach: "In diesen Händen liegt Tali, mein Weib, eure Mutter und eure Herrin; Der Freundliche hat sie mir genommen, und ich habe mit ihm gehadert. Ich hadere nicht mehr, sondern opfere ihm das Herz meines Herzens."