Bei einem zweiten Hamburger Gespräch zwischen Gewerkschafter und Unternehmern war diesmal die Landesvertretung Hamburg im Bundesverband der deutschen Industrie der Einladende. Phoenix-Generaldirektor Otto A. Friedrich, der seinerzeit auf Einlädung des DGB gesprochen hatte, hieß dabei zunächst Dr. Deist als den Redner des Abends willkommen; ihm fiel dann auch der Hauptanteil der Diskussion zu. Aus dem, was der Referent vortrug, ist vor allem erwähnenswert, daß Dr. Deist – Bundestagsabgeordneter und Wirtschaftsberater des DGB – die offizielle Konjunkturpolitik als unzureichend oder verfehlt bezeichnete: sie tue zu wenig, um einerseits das Angebot zu fördern, andererseits die (übermäßige ...) Nachfrage zu restringieren. Obwohl viel von "konjunkturbewußter Wirtschaftspolitik" und von "antizyklischen Maßnahmen" die Rede war, wie sie erforderlich seien, um die konjunkturellen Gefahren zu mildern, blieb der Vortragende seinen Hörern doch eine klare Darstellung der Zukunftssorgen schuldig, weil er – durchaus im Geiste Prof. Erhards! – als "Gefahr" immer nur die Preissteigerung aufzeichnete, aberdas "eigentliche" (konjunkturpolitische) Gefahrenmoment des "Umschlagens" vom Boom in die Krise ebensowenig deutlich werden ließ, wie die "sekundäre Gefahr", daß ein zu spätes Abbremsen des Booms sich dann allzu hart auswirkt.

Dr. Deist befand sich zwar insofern in "guter Gesellschaft", als er, ähnlich wie der Wissenschaftlerbeirat beim Bundeswirtschaftsministerium, eine Steuersenkung jetzt als unzeitgemäß bezeichnete – aber die Behauptung, daß Steuersenkungen die Übernachfrage noch steigern würden, ist ja doch längst (insbesondere durch Schmölders) als ein typischer Ausfluß rein quantitativen ("makroökonomischen") Denkens widerlegt! Man kann eben, in einer Lage wie der unsrigen, nicht eine antizyklische Steuer- und Ausgabepolitik als "theoretisch richtig" empfehlen: weil es nicht sinnvoll ist, auf die von der öffentlichen Hand verwahrten Ausgabereserven noch einen "zweiten Juliusturm" mit antizyklischer Motivation zu setzen... Zudem kann bei dem Ausgabeneifer des Parlaments mit dem "Einsperren" eines Teils des Steueraufkommens ja nicht gerechnet werden. Wenn aber die öffentliche Hand, wie mit Sicherheit anzunehmen ist, das Mehraufkommen an Steuern sofort wieder (und vorwiegend zu Investitionen, ohne Rücksicht auf deren Kosten-Ertrags-Relation) ausgeben würde, erscheint es konjunkturpolitisch durchaus sinnvoll, den anderen Weg zu gehen. Also: durch Steuersenkung (eigentlich: Steueranpassung) einen Teil der sonst zu erwartenden steuerlichen Mehrbeträge in der Hand der Zensiten zu belassen, wo sie vermutlich weit weniger "übernachfrage-steigernd" wirken werden, als bei der Wiederverausgabung durch die öffentliche Hand.

Überbetont wurde auch durch Dr. Deist die Besorgnis, daß die Erhöhung der Staatsausgaben (durch Rentenreform. Grünen Plan und Rüstung) konjunkturpolitisch schädlich sein könnte. Solange solche Ausgaben aus laufenden Einnahmen (oder aus richtig plazierten Anleihen) finanziert werden, und nicht durch Kreditaufnahme (oder durch Reaktivierung von Reserven, die über längere Zeiträumt hin "stillgelegt" waren), ist ja eine Übernachfrage gar nicht zu befürchten. Diese kann letztlich mit aus einer übermäßigen Kreditexpansion erwachser – wobei sie freilich gefördert werden kann durch ein zu schnelles Ansteigen der Lohnkosten hier durch (qua Abschreibungsvergünstigungen forcierte und damit unabhängig vom Kapitalzins erfolgende) private Investitionen da. Auf den letzten Punkt kam Dr. Deist nur verhältnismäßig kurz zu sprechen, während er "die Verknappung des Inlandsangebots durch hohe Exportüberschüsse" – eine konjunkturpolitisch gar nicht "faßbare" außenwirtschaftlich-strukturbedingte Gefahr sui generis recht ausführlich behandelte, ohne freilich eine bessere Abhilfe hierfür vorschlagen zu können, als "mehr" Zollsenkungen zur Einfuhrförderung.

Daß er eine Lohnpolitik befürwortete, bei der sich die Löhne (auf Kosten der anderen Teilhaber am Volkseinkommen also) auch über den jeweils erreichten Produktivitätszuwachs hinaus gesteigert werden sollen, war ja wohl zu erwarten. Wenn er sich daraus aber konjunkturpolitisch positive Wirkungen verspricht, mit der Begründung, daß "die" Verbrauchsgütererzeugung (gegenüber dem Bereich der Produktionsgüter) nachhinke und ergo förderungsbedürftig sei, so schmeckt das allzu sehr nach der guten alten Unterkonsumtionstheorie, die eine prompte Heilung aller Disproportionalitäten des Wirtschaftsablaufs garantiert; es wird dabei zu wenig die Bedarfssättigung gesehen, die bei den "klassischen" Konsumgütern des Massenverbrauchs bereits weitgehend eingetreten ist – mit dem Effekt, daß ein erheblicher Teil des Masseneinkommens nun als Nachfrage für solche Dinge wirksam wird, die in der Statistik als "Investitionsgüter" erscheinen ... Da wird also, die sozialistische Lieblingsmedizin "Investitionslenkung", die Dr. Deist dringend empfahl, nicht recht helfen – wie ja auch ein Fragezeichen hinter die Wirksamkeit oder Möglichkeit der sonst von ihm geforderten Maßnahmen (mehr Zollsenkung, Zurückstellung rüstungswirtschaftlichen Vorhaben, Beschränkung von Ausgabenerhöhungen und Steuervergünstigungen auf das "sozial Vordringliche") zu setzen ist.

Wenn Dr. Deist schließlich die "Lohnplanung" (durch staatliche Schlichtung in letzter Instanz, falls sich die Tarifpartner nicht einigen können) nur unter der Voraussetzung als "möglich" ansah, daß auch alle übrigen Einkommenskategorien gelenkt und geplant würden, so wird damit das hier vorliegende Problem wohl reichlich stark dramatisiert. Zudem: alle anderen Kostenfaktoren, insbesondere marktwirtschaftlich gebildete Preise, können, wenn überhöht, nach unten korrigiert werden – nur der Lohn, als "kartellgebundener" Monopolpreis, ist praktisch nicht reduzierbar, ist ein Kostenfaktor "mit Sperrklinke". Dankbar sein darf man dem Redner für den Hinweis, daß die Gewerkschaften besonnen genug sein würden, die lange erstrebte und nun endlich erreichte Vollbeschäftigung nicht durch Überforderungen beim Lohn zu gefährden. Auch verdient Dr. Deists Bekenntnis zu einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung hervorgehoben zu werden, das in den Worten anklang: alle staatlichen Ordnungs- und Lenkungsmaßnahmen seien ausschließlich danach zu beurteilen, ob die Intervention der Sicherung und Erweiterung des Raumes freier Betätigung diene oder nicht. Damit hat die bekannte Kautschuk-Formulierung, die Prof. Schiller dem "freiheitlichen Sozialismus" als Leitspruch in die Wiege gelegt hat – "soviel Wettbewerb wie möglich, soviel Planung wie nötig" –, nachträglich so etwas wie einen festen Rahmen erhalten. Erwin Topf