Die "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" veröffentlichen im Heft 3/1956 ein bisher unbekanntes, hochinteressantes Dokument, das wir hier unseren Lesern zur Kenntnis bringen. Es ist eine "Aktennotiz für den Reichsleiter" (Rosenberg), geschrieben von einem Angehörigen seiner Dienststelle, der als Augenzeuge am Prozeß gegen Pfarrer Martin Niemöller teilnahm. Niemöller war im Zuge der Gewaltmaßnahmen gegen die Bekennende Kirche am 1. Juli 1937 verhaftet worden (im gleichen Jahr wurden 800 Mitglieder der "B. K." ins Gefängnis gesperrt), am 7. Februar 1938 begann die Verhandlung. Am 2. März wurde das Urteil verkündet: Sieben Monate Festungshaft und 2000 Mark Geldstrafe, die beide durch die Untersuchungshaft abgegolten waren. Doch bevor Niemöller den Weg in die Freiheit antreten konnte, griff die Gestapo zu und brachte ihn ins KZ, wo er sieben lange Jahre zubrachte. Dramatisch ist es zu sehen, wie Niemöller mit großem Geschick und gleichzeitig mit entwaffnender Offenheit argumentiert; wie das Gericht gegen die Einflußnahme des Justizministeriums kämpft; wie selbst der NS-Funktionär, der die Vorgänge aufzeichnet, angewidert ist durch die Versuche, das Gericht politisch zu beeinflussen. Ein Prozeß also – im Jahre 1938 –, bei dem noch alles in verblüffender Weise intakt ist, bei dem der als Zeuge geladene Geheimrat Sauerbruch seine Aussage mit dem Satz schloß: "Wollte Gott, wir hätten in Deutschland noch mehr solche Pfarrer." Aber umsonst, denn dort wo die Menschen nicht korrumpiert werden konnten, da sprang die Gestapo ein.

I. Übersicht über den Prozeßverlauf

Am 7. Februar, vormittags, begann der Prozeß... Der Vorsitzende verlas den Eröffnungsbeschluß: Kanzelmißbrauch und Aufforderung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt. Der Staatsanwalt forderte anschließend sofort Ausschluß der Öffentlichkeit, worüber mehrere Stunden verhandelt wurde, weil Niemöller und seine drei Verteidiger energisch widersprachen.

Um 12 Uhr begann die Vernehmung des Angeklagten, der sich insgesamt 3 1/4 Stunden – übrigens sehr packend und dabei durchaus schlicht – äußerte. Um 16.30 Uhr wurde die Sitzung geschlossen und auf den 8. Februar um 9.30 Uhr vertagt.

Die Sitzung am 8. Februar begann mit 2 1/2 stündiger Verspätung. Auf den Korridoren des Gerichts sah man Staatsanwaltschaft, hohe zugelassene Juristen, so den Ministerialdirektor Krohne vom Reichsjustizministerium, den Gerichtspräsidenten u. a., geschäftig hin und her laufen. Krohne verhandelte mal mit dem Gericht, mal wieder mit der Staatsanwaltschaft. Dieses die Unabhängigkeit des Gerichts in Frage stellende Gebaren wurde, wie die Gestapo feststellte, von dem Vertreter der "United Press" beobachtet. Ich brachte beim Vertreter des Propagandaministeriums in Erfahrung, daß die Kläger – die Reichsminister Kerrl, Dr. Goebbels und Dr. Gärtner – stärksten Wert auf Ausschluß der B. K. (Bekennenden Kirche) legten. Es wurde auch, feststellbar für jedermann, von hohen Justizbeamten eifrig telephoniert. Irgendwie war also die "Welt draußen" eingeschaltet. Daß man das feststellen konnte, ja mußte, machte geradezu einen peinlichen Eindruck. Endlich begann die Sitzung. Der Staatsanwalt beantragte Ausschluß der BK.-Vertreter. Die Vertreter der B. K. wurden ausgeschlossen und verließen den Saal. Niemöller selbst erklärte, seinerseits jetzt nur noch als "lebender Leichnam" an dem Prozeß teilzunehmen, also in Zukunft zu schweigen. Wieder 1 1/2 Stunde Pause, während welcher ein Offizialverteidiger herangeholt wurde. Bei Beginn der neuen Sitzung versagte Niemöller diesem die Vollmachten und seine persönlichen Akten. Die Verhandlung wurde auf Antrag des Verteidigers bis 19. Februar, 9.30 Uhr, ausgesetzt.

II. Zu einzelnen Punkten des Prozesses:

Die Darstellung, die N. von seinem Leben gab, verfehlte wohl nirgends ihre Wirkung. Er schilderte seine Jugend, seine Laufbahn als Seeoffizier, dann als Freikorpskämpfer und Landarbeiter, schließlich als Pfarrer. Er bezeichnete sich als Torpedo-Spezialisten, ein Ruf, der ihm auch heute hinsichtlich seiner pfarramtlichen Tätigkeit vorausgeht. Er verstand es, ohne sich zu beweihräuchern, die hohe Leistung seines militärischen Lebens "als kaiserlicher Offizier" ins rechte Licht zu rücken. Sehr wirksam schilderte er die Geschichte des Pfarrhauses, aus dem er kommt: 8 Seeoffiziere, darunter einige Träger des Ordens Pour le mérite, seien aus ihm in jüngster Vergangenheit hervorgegangen.