New York, im Juli

In New York läuft einer der größten Filme, die je in den Vereinigten Staaten gedreht wurden: Moby Dick. Jan Huston, Produzent und Regisseur, hat die Meisternovelle Melvilles verfilmt. Dies ist in der Stummfilmzeit schon einmal unternommen worden, mit dem unvergeßlichen John Barrymore als Captain Ahab (dem ingrimmigen und in seinem Ingrimm reichlich extravaganten Rächer seines von dem weißen Wunderwalfisch zerstörten Beines). Damals war alles Gewicht auf diesen Ingrimm, auf Tempo, Sturmszenen und -reden gelegt worden, auf eine pausenlose Turbulenz der Vorgänge und der Charakteräußerungen.

Huston aber hat das dichterische Grundelement herausgearbeitet: sein Ahab, von Gregory Peck mit imponierender Schlichtheit und zurückhaltender Gespanntheit gespielt, ist fast ein Lebensweiser, der entgegen allen Filmregeln sich grübelnd monologisch ergeht, ein Hamlet des Walfischfangs, und dieser wiederum findet eine detaillierteste fachmännische Wiedergabe, die den Film zur dokumentarischen Leistung macht. Nebenfiguren, wie etwa der biblisch feurige Hafenprediger – gemimt und gedröhnt von Orson Welles mit wahrhaft statuarischer Haltung – geben den Vorgängen einen robusten Legendencharakter. Meeres- und Schiffsaufnahmen gewinnen dadurch, daß technisch der ungewöhnliche Trick angewandt wurde, das Schwarzweiß-Verfahren mit dem farbigen zu kombinieren. Dadurch ergab sich eine eindringliche Dämmerstimmung der Bilder, ein ungeachtet starker Plastik unwirklich und märchenhaft wirkender "Unterton" des Optischen.

Selten ist überdies eine solche Harmonie hergestellt worden. Auch wenn sie schweigen, sprechen alle Handelnden in Miene, Blick und Geste die gleiche homerische, unverblümte Heldensprache, mit einem sarkastisch unwirschen Phlegma, einer posenlosen Unerschrockenheit und einer ans Herz greifenden reinen Einfältigkeit. Es ist dies ein Realismus, über dem ein Schimmer von Balladenromantik liegt, ohne daß diese die Kraßheit und die Engstirnigkeit des Grundmotives abmildert. Dadurch gelingt es, daß aus einem krankhaft egoistischen Rachedrang ein Tatenepos der Ausdauer, des Stolzes, der Willenskraft und der Menschenbezauberung wird.

Gregory Peck hat daran seinen redlichen Anteil. Seine Besessenheit ist so durchleuchtet von einem stillen inneren Feuer, daß die mitreißende Wirkung auf Mitspieler und Zuschauer schon wieder zu einem psychopathischen Musterfall wird, aber einem vom Spielleiter mit großem künstlerischem Takt und schlauester Abtönung eingeordneten. Die zwei Stunden "Moby Dick" sind eine gewaltige Symphonie von Meeresrauschen, Jagdfieber, Schiffssilhouettenspuk, Mannestrotz und raffiniertester photographischer Kunst. Der Film ist sozusagen parallel zu dem Buch ein Meisterwerk.

Ludwig Ullmann