Mutige Experimente in Kassel

Von Carl Georg Heise

Wir finden, daß es an der Zeit ist, einen Überblick zu geben über die Leistungen, die unsere deutschen Kunstgalerien aufzuweisen haben, über ihre Verdienste, ihre Eigenarten, ihre Sorgen. Prof. Dr. Carl Georg Heise – der als Museumsmann und langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle international bekannt wurde – scheint uns der geeignete Mann, ein solches Panorama zu bieten, dies um so mehr, als er den Lesern der ZEIT durch seine kunstkritischen Aufsätze seit Jahren vertraut ist. Er beginnt hier die lose Folge seiner Darstellungen mit der Schilderung eines Besuches in Kassel, wo die Museumsleute soeben einen interessanten und vieldiskutierten Versuch machen: sie lassen die berühmten Bilder der alten Meister in neuem Rahmen, in kühnem, modernem Dekor erscheinen. Schon erhebt sich die Frage, die auch auf dem Internationalen Museumskongreß gestellt wurde: Darf das sein?

In Kassel ist man mutig geworden. Die Documenta-Ausstellung im vorigen Jahr war ein ;roßer und berechtigter Erfolg, So ist es verständlich, daß man auch bei der Wiedereinrichtung der berühmten Gemäldegalerie von der neugewonnenen Position Im Raum avantgardistischer Kunstbestrebungen profitieren wollte. Lassen sich modern-dekorative Darbietungsformen, die sich für die Ausstellung von Gegenwartskunst nicht nur als ästhetisch anziehend, sondern auch als zugkräftig fürs große Publikum erwiesen haben, vielleicht euch auf eine Sammlung alter Meister übertragen, im das Museum – wie das auf der letzten Icom-Tagung in der Schweiz formuliert worden ist – weniger "museal" erscheinen zu lassen? So etwa autet die Ausgangsfrage für das viel diskutierte Kasseler Experiment.

Künstler und Kunstfreunde haben vielfach posiiv, ja, begeistert reagiert auf den von Professor Arnold Bode (Lehrer an der Werkakademie) gemeinsam mit der Galerieleitung unter Dr. Hans Vogel unternommenen Versuch, bei Gelegenheit der aus der Wiener Kriegsschutzhaft zurückgekehrten Gemälde mit den alten Gewohnheiten zu brechen und Kunstlicht, moderne Rahmen, Wandbespannung mit "Plastik", wechselnde starkfarbige Hintergründe auch bei der Vorführung von Werken Rembrandts, van Dycks, Tizians zu verwenden. Die älteren Museumsfachleute unter Anführung von Professor Ernst Buchner, dem Generaldirektor der bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, aber haben mit Kanonen geschossen, um gleich im Keim solchen gefährlich erscheinenden Radikalismus zu ersticken, damit er nicht weiter um sich greife. "Hände weg Ton unserem traditionellen Kunstbesitz, von dem ihr nichts versteht!" so wird den modernen Malern und Architekten zugerufen.

Um zu einer objektiven Beurteilung der Kasseler Vorgänge zu kommen, muß die Gesamtsituation der noch in statu nascendi befindlichen Wiederaufbauarbeiten der berühmten Galerie genauer untersucht werden. – Die Sammlung alter Meister in Kassel, die vielen jüngeren Menschen kaum noch in lebendiger Erinnerung aus der Vorkriegszeit ist, gehört zwar nicht in die Reihe der großen; mit München, Berlin und Dresden kann sie nicht konkurrieren. Innerhalb der kleineren – Karlsruhe oder Braunschweig etwa, früher Oldenburg und Gotha, aber auch der nicht auf fürstlichem Besitz basierenden Museen in Köln, Hamburg oder Bremen – steht sie mit ihrem reichen Besitz großartiger Werke von Rembrandt, Hals, Rubens, van Dyck, der Fülle ausgezeichneter kleinerer Niederländer, ihrem Tizian und Poussin und wenigen, aber bedeutenden Altdeutschen, durchaus an der Spitze. Die Pflege und Darbietungsform dieser Schätze also geht nicht nur Kassel an, sondern die Welt!

Keine "Bilderscheunen" mehr