In dem Streit der evangelischen Synodalen spiegelt sich der innere Kampf des Gewissens um den Weg unseres Volkes, ein Kampf, dem viele unter uns täglich ausweichen. Die Ursachen der gegenwärtigen Auseinandersetzung sind im Grunde bedeutsamer als die Auseinandersetzung selbst. Ihre Wurzeln liegen in einer besorgniserregenden Politisierung der Theologie und der daraus unausbleiblich folgenden Theologisierung der Politik. Beides sind ungesunde Nachwirkungen des Kirchenkampfes unter dem Nationalsozialismus. Der Kreis um den hessischen Kirchenpräsidenten D. Martin Niemöller kann nicht davon freigesprochen werden, theologische Erkenntnisse aus der Verfolgungszeit – etwa die Bedeutung des Wächteramtes der Kirche gegenüber dem Staat – heute in allzu kurzschlüssiger Weise in politisch gefärbte Stellungnahmen umzumünzen. Die Argumente, wie jenes von Karl Barth übernommene "Zweimal hat Gott uns die Waffen aus der Hand geschlagen; wir dürfen sie nun nicht mehr ergreifen", verraten eine gefährliche Nähe zur Theologie der Deutschen Christen, bei denen politische Meinungen auch stets theologisch untermauert wurden. Die Fronten, die sich schon vor Jahren in einer solchen Gegnerschaft gebildet haben und die jetzt nur sehr oberflächlich als Wehrpflichtgegner und -befürwortet kategorisiert werden, haben sich im Laufe der Zeit immer mehr verhärtet.

Der Frankfurter Kirchentag steht vor der Tür, Er gerät, wie der Hamburger vor drei Jahren (nach dem 17. Juni und vor der letzten Bundestagswahl), wiederum in eine Phase politischer Spannungen und wird, wie damals, durch wahltaktische Erklärungen D. Niemöllers kirchenpolitisch vorbelastet. F. U.