Man kann von einer Flasche sagen, sie sei noch halbvoll man kann auch sagen, sie sei schon halbleer. Beide Versionen beschreiben den gleichen Tatbestand; beide geben ihn richtig wieder; beide sind korrekt. Und doch: Wie verschieden sind die Reaktionen, die da heraufbeschworen werden! Wie unbekümmert und triumphierend, zu fröhlichem Überschwang ermunternd, stimmt die eine Feststellung; wie düster und mißmutschwanger ist die andere!

Der Spielraum, der unserem Gestaltungsvermögen bei ein- und demselben Tatbestand eingeräumt ist, beginnt also schon mit der Interpretation. Auch für den politischen Raum gilt dies, vor allem heute, wo nicht, wie zur Zeit der klassischen Diplomatie, ein kleiner Kreis politischer Medizinmänner hinten den Kulissen die internationalen Fäden knüpft, sondern wo die Masse der Wähler (oder der Gefolgschaft) mit ihren Emotionen, Wünschen und Vorurteilen die Entscheidungen der Exekutive (oder des Führers) entscheidend beeinflußt.

Wir alle wären während der vergangenen Wochen und Monate Zeugen eines weltweiten Streites um die Interpretation dessen, was in Sowjetrußland vor sich geht. Es ging um die Frage, ob sich dort Entscheidendes geändert habe oder nicht. Und es ging um die Konsequenzen, die man aus der Beantwortung dieser Frage zieht und die entscheidend sind für das Verhältnis von West zu Ost, für Auf- oder Abrüstung, für die Zukunft dieses Planeten... Und auch hier gab es die beiden Versionen: Schon zeichnet sich eine neue besitzende Schicht in der klassenlosen Gesellschaft der Sowjetunion ab, die auf Bewahrung, Ruhe und Statik bedacht ist, und noch gilt der alte dynamische Geist Lenins, dessen Gesetz Expansion des Kommunismus mit allen Mitteln heißt, mit Drohung, lockender Friedenspropaganda und wirtschaftlichen Konkurrenz, mit Vorwärtsstürmen und Zurückweichen oder Abwarten – wie es jeweils der Stunde angemessen ist.

Die Vertreter dieser beiden Theorien sind mit der ganzen Unduldsamkeit moderner Heilsprediger gegeneinander zu Felde gezogen, ohne einmal in Ruhe zu überlegen, ob nicht in gewisser Weise beide recht haben und darum die Antwort weder lauten sollte: "Die Sowjetunion ist unser Todfeind" noch: "Wenn wir alles, was Moskau ärgert, aus dem Wege räumen, dann wird die Sowjetunion, die begonnen hat, sich zu liberalisieren, eines Tages als lichter, demokratischer Phoenix aus der schwarzen Asche des Totalitarismus steigen."

Vieles spricht dafür, daß zur Zeit beide Beobachtungen richtig sind. Es ist nicht zu leugnen, daß die KZs aufgelöst und Urteile revidiert wurden, daß Touristenreisen stattfinden, daß die friedliche Koexistenz gepredigt wird. Gleichzeitig aber finden wir alle Anzeichen dafür, daß der alte Geist unverändert weiter lebt. Da hat Bulganin in Warschau, Lodz und Krakau Reden gehalten, die sich in nichts von denen unterscheiden, die er auf dem Höh punkt des Kalten Krieges von sich zu geben pflegte: "Die Ausgaben für die Rüstung, Verteidigung und Forschung können nicht warten, da der Feind nicht schläft. Er beobachtet uns mit offenen Augen, Tag und Nacht". Und während das heutige Polen zum erstenmal Lebensmittel einführen muß und das Volk bei steigenden Arbeitsnormen immer schlechter lebt, beglückwünschten Bulganin und Schukow bei den Befreiungsfeierlichkeiten in Warschau die polnischen Führer zu der Parade der modernen, hochmotorisierten Armee und den selbstfabrizierten Düsenjägern, die darüberhin brausten.

In Ungarn erklärte das Z.K., das in der letzten Woche in Budapest tagte, die größte Gefahr für das Land seien weiterhin die Spione der westlichen Imperialisten, und abschließend stellte es mit Befriedigung fest, die Partei verfüge über die Kraft, alles auszumerzen, was auf ideologischem Plan überholt sei! Wie eigentlich verträgt sich das mit den Sirenengesängen der Koexistenz?

In Tibet, wo seit Monaten das Volk unter Führung der Mönche gegen die kommunistischen Machthaber seine Freiheit und die Rechte des Lama durchzusetzen versucht, werden Klöster bombardiert (besonders im Gebiet von Khan und Golok) und Panzer werden gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Woraus übrigens hervorgeht, daß auch das Ideal der Gewaltlosigkeit, wie Indien es vertritt, anderen zum Verhängnis werden kann. Denn Indien hatte Jahrhundertelang, gewisse Vorrechte in Tibet – für dessen Schutz es aufkam –, die es aber nach seiner eigenen Befreiung in einem Vertrag den Chinesen überantwortete. Als die Armeen Mao Tse-Tungs 1954 das wehrlose Land überfielen, und Tibet sich hilfesuchend an Nehru wandte, erhob Indien nicht einmal Klage bei der UNO, um den großen Bruder im Norden nicht zu ärgern.