Jean Giraudoux ist einer der wenigen Schriftsteller des literarisch autarken Frankreichs, die wesentliche Anregungen für ihr Schaffen aus der deutschen Literatur empfangen haben, und zweifellos ist er der einzige französische Dichter, der den Geist deutscher Romantik so seinem Werke assimiliert hat, daß eine echte, zur eigenen Schöpfung gehörende Verbindung daraus geworden ist. Seine Dramen – darunter Siegfried, die wunderbare Darstellung seiner Liebe zu Frankreich und Deutschland – sind uns immer noch ganz gegenwärtig, weniger bekannt ist uns hingegen die etwa zehn Bände umfassende Prosa des Dichters. 1954 brachte der Suhrkamp-Verlag eine neue Auflage des Romans Eglantine – jetzt kommt ein kleines Bändchen früher Erzählungen zu uns:

Jean Giraudoux: "Die Schule der Gleichgültigen." S. Fischer Verlag, Frankfurt, 153 S., 9,80 DM, übertragen von Otto F. Best.

"Nun sammle ich also, als wäre ich ein Kind, die Gleichgültigkeit und ihre Rätsel in mir" –: diese seltsame Bemerkung, die der Autor einen seiner jungen Helden machen läßt, gibt den Schlüssel zum Verständnis der "Gleichgültigen". Denn die drei Titelhelden der Erzählungen: "Jacques, der Egoist", "Don Manuel, der Faulenzer", "Bernard, der schwache Bernard" sind keineswegs gleichgültig, sondern hoffnungsfroh träumende junge Leute, die in so glücklicher Weise mit Egoismus, Faulheit, Schwäche begabt sind, daß sie ihrer mittelmäßigen Wirklichkeit entgehen, um die unaufhörlichen Wunder einer Überwirklichkeit zu erleben. Manuel übertrifft dabei sich selbst: Nachdem er endlich seine Geliebte erobert hat, legt er sich ermüdet von diesem erstaunlichen Wunder ins Bett, um mindestens zehn Jahre von seinem beunruhigenden Glück auszuruhen. Doch auf der Ebene dieser "Gleichgültigkeit" ist die Liebe kein größeres Rätsel als ein Stein, eine Pflanze, ein Schatten. Es sind die Wunder, die Giraudoux sammelte–"als wäre ich ein Kind" – mit der Unvoreingenommenheit der Poesie, die alles neu erschafft. Wird man nicht an Alain-Fournier erinnert, dessen "Großer Kamerad" auszog, um sein Geheimnis zu finden und davor zu fliehen, wenn man diesen Satz liest: "Mein Dichter hat recht, wenn er sagt, daß die schönsten Dinge, wenn sie sich uns nähern, uns umstricken... Dann ist das Geheimnis nicht mehr im Herzen unserer Liebe geborgen, um es von innen her zu stützen, wie der Kern einer Frucht" –? Hin und wieder glaubt man sich auch auf den Spuren Prousts: "Große Analogien haben tiefe Narben in das Gesicht der Welt gegraben und es da und dort mit ihrem Licht gezeichnet... Aus ihnen allein kann alles Heimweh erwachsen, aller Geist, alle Gemütsbewegung " – Und: "... nicht aus den Ereignissen formt man sich die Erlebnisse..."

In diesem interessanten kleinen Buch ist ein echtes Bild der inneren Situation jener unruhigen Vorkriegsjugend skizziert, ihr Aufruhr gegen die starre, klassische französische Tradition, und auch die Gefahr ihrer geistigen Haltung: die romantische Verführung zur Ästhetik, die surrealistische Verlockung zur Beziehungslosigkeit, zur Flucht aus dem historischen Raum, zur "littérature pure" (die Sartre dieser "bürgerlich-idealistischen" Schriftstellergeneration vorwirft). Längst haben die Ereignisse die inneren Erlebnisse dieser Zeit überholt. Aber der Leser, der sich von den durchsichtigen, subtilen Wundern, von dem erwartungsfrohen Temperament dieser Dichtung in Prosa bezaubern läßt, wird vielleicht mit Staunen feststellen, daß alles geblieben ist, was sich einer Bestimmung nach literarischen Kategorien entzieht, alles, was sich am Werke von Giraudoux nicht in Worte fassen läßt, weil es – nach seinen Worten – vom unfaßbaren Lichte "jener Analogien" durchschimmert wird, aus denen "alles Heimweh, aller Geist, alle Gemütsbewegung" entsteht. Ruth Lutz