Im März des Jahres 1902 wurde in der Mailänder Skala eine unwichtige Oper des Komponisten Franchetti uraufgeführt, die Hauptrolle sang ein junger italienischer Tenor namens Enrico Caruso. Durch seine Erfolge in St. Petersburg und Buenos Aires hatte er bereits die Neugier der damals wirtschaftlich nicht sehr üppig gestellten englischen Gramophone Company erregt, und ihre Direktoren fuhren nach Mailand, um sich diese Stimme einmal anzuhören. Während das Publikum noch tobte, begaben sich die Herren hinter die Bühne; nach einigem lebhaften "Verhandeln" im italienischen Stil kamen sie mit dem Sänger überein, daß zehn Lieder und Arien auf die Wachsplatte aufgenommen werden sollten. Am nächsten Mofgen erschien Caruso im Hotel der Engländer, in deren Zimmer man schnell ein Klavier aufgestellt hatte, und in etwas über einer Stunde waren "die Nummern heruntergesungen"; der Künstler erhielt eine Pauschalsumme von hundert englischen Pfunden für seine Leistung ausgezahlt. Man sandte die Wachsplatten nach Hannover zu der einzigen leistungsfähigen Presserei, die es damals gab, und der Erfolg übertraf künstlerisch wie finanziell alle Erwartungen. So war diese Stunde zur Geburtsstunde der klassischen Schallplatte geworden: in Caruso erstand der erste große "Markenartikel", die Sensation, die von selber "ging", und deren Ertrag fortab auch riskantere Aufnahmen ermöglichte. Bis zu seinem Tode hat der Sänger dann noch über zwei Millionen Dollar an Tantiemen erhalten, und seine Erben danach abermals den gleichen Betrag.

Man schreibt das überraschende Gelingen dieserfrühen Aufnahmen der klanglichen Intensität und der dunklen Färbung der Carusoschen Stimme zu, physikalischen Eigenschaften, die den beschränkten Möglichkeiten der damaligen Aufnahmemembrane besonders entgegenkamen. Ferner der federnden Elastizität, mit der die Stimme auf dem engen klanglichen Raum der Schallplatte starke dramatische Wirkungen zu erzeugen vermochte, ohne die melodische Linie des Bei canto dabei zu beeinträchtigen. Es sind genau dieselben Qualitäten, die in unseren Tagen eine Wiederholung des Carusoschen Phänomen erhoffen lassen.

Enrico Caruso in italienischen Liedern und Opernarien (Electrola FKLP 7001 und FJLP 5009); Mario del Monaco in italienischen Liedern und Opernarien (Electrola FBLP 1050; Decca PLX 3094, LW 5121, 5168, 5186, 5093).

Caruso-Platten aus der ersten Zeit haben heute Sammlerwert. Bei der immer subtiler arbeitenden Reproduktionstechnik ist es indessen möglich geworden, den Glanz und die Farbe dieser einzigartigen Stimme von den teilweise noch gut erhaltenen Matrizen auf die moderne Langspielplatte zu übertragen. Die neuerdings von der Electrola angebotenen Sammelaufnahmen gaben in der Mehrzahl der Arien und Lieder nicht etwa nur einen vagen Begriff dessen, was der große Tenor einmal gewesen ist, sondern sie bieten seine Stimme selber in aller ihrer Pracht und Herrlichkeit dar.

Vor zwei Jahren, im August, haben wir an dieser Stelle gelegentlich einer Besprechung von Deccas Aida eingehend über den jungen italienischen Sänger Mario del Monaco berichtet und ihn als den größten Tenor der Gegenwart gefeiert – nicht ohne die Einschränkung allerdings, daß er in musikalischer Hinsicht noch viel von den Caruso-Platten zu lernen habe. Inzwischen hat die Decca diesen Künstler in einer stattlichen Reihe weiterer Opernaufnahmen mitwirken lassen, und wir konnten, vor allem an seinem Othello, feststellen, daß er musikalisch und geschmacklich in erstaunlichem Maße gewachsen ist. Im vorigen Monat haben wir Gelegenheit gehabt, diesen Sänger auch auf der deutschen Opernbühne zu erleben, und zwar in Stuttgart als Othello. Die Vitalität seiner Stimme, die stählerne Festigkeit ihrer Höhe, der Reichtum ihrer Klangfarben in den mittleren und tieferen Lagen, dazu die Intelligenz, mit der sie in den Dienst des schauspielerischen Ausdrucks gestellt wird, haben beim Publikum wie bei der Presse große Begeisterung erweckt und die Hoffnung, daß auch unserer Generation ein Caruso in ihm beschert werden möge. Chr.