Neulich erzählte ich einem Bekannten folgende Begebenheit: Ein deutscher Korrespondent hatte seine Redaktion verlassen müssen, weil er glaubte, deren nationalistischen Kurs nicht mehr mitmachen zu können. Daraufhin hatte ein Schweizer Bankier, der davon hörte und der zwar den Korrespondenten nicht kannte, aber offenbar seine Berichte gern las, dem Betreffenden sagen lassen, ungenannte Freunde hätten auf einer bestimmten Bank ein Konto eingerichtet, auf das jener während der nächsten zwölf Monate jeden Betrag, den er zum Leben brauche, ziehen könne – denn solange werde er wohl benötigen, um in Ruhe und ohne zu übereilten Entschlüssen gezwungen zu sein, etwas entsprechendes Neues zu finden. „Hätten Sie gedacht“, so fragte ich, „daß es solche märchenhaften Wohltäter heute noch gibt?“

„Das kann nur Felix Somary gewesen sein.“

Er hatte recht, es war Somary. Und dann erzählte mein Gesprächspartner folgende Geschichte, die allerdings schon lange zurückliegt: „Ein berühmter deutscher Gelehrter (er ist heute über 80 Jahre) fand an seinem 60. Geburtstag vor seiner Tür ein nagelneues Auto. Der dazugehörige Fahrer meldete ihm, er habe den Auftrag, von nun an den Herrn Professor mit diesem Auto in der Welt herum zu fahren, wohin er immer wolle. – Wem denn das Auto gehöre?

„Ihnen, Herr Professor.“

„Ja, woher kommt es denn?“

„Das weiß ich auch nicht. Ich habe nur meinen Auftrag auszuführen und bekomme jeden Monat mein Gehalt zugewiesen von einer Stelle, die ich auch nicht kenne.“ – Sehr viel später stellte sich heraus, daß der Spender ein Freund des Professors war, nämlich Felix Somary.“

Felix Somary ist im Juli dieses Jahres in Zürich gestorben. Er war Leiter eines privaten Bankhauses dort, der Blankart-Bank. Ein Mann der Praxis, der sich sein Leben lang jedoch auch mit nationalökonomischen, soziologischen und weltpolitischen Problemen beschäftigt hat und der vielen großen Zeitgenossen in Freundschaft verbunden war: Shumpeter, Otto Bauer, Sir Ernest Cassel, Max Weber. Ein Mann, der in eigentümlicher Weise einen besonderen Sinn für die Krisen der modernen Wirtschaft und Gesellschaft hatte. Er war der erste, der die Krise von 1929/1931 vorausgesagt hat und der in einem Vortrag im Royal Institute of international Affairs in London im Sommer 1931 in allen Einzelheiten die Machtergreifung Hitlers, den zweiten Weltkrieg und die Allianz des künftigen deutschen Diktators mit Japan an die Wand malte.

Somary hat eine Reihe Bücher geschrieben, die – wie die 1915 erschienene „Bankpolitik“ – in viele Sprachen übersetzt worden sind. Sein letztes Werk (das allerletzte, seine Lebenserinnerungen waren wohl noch nicht vollendet, als der Tod ihn abrief) erschien 1952. Es heißt „Krise und Zukunft der Demokratie“ und beginnt mit der folgenden lapidaren Feststellung:

Die drei großen Ideenbewegungen Europas haben zu Resultaten geführt, die den Absichten ihrer Schöpfer diametral entgegengesetzt waren und sind: Die Kreuzzüge sollten das Heilige Land dem Glauben gewinnen und die Einheit des Christentums dokumentieren; sie führten zum Fall von Konstantinopel und zur Loslösung der westlichen Nationen von der einheitlichen päpstlichen Oberhoheit. – Die Reformation focht unter der Devise der Glaubensfreiheit und endigte mit stärkster religiöser Diktatur. Der Grundsatz des cuius regio eius religio, die Aufzwingung des Glaubens durch den Landesherrn, ist der Kernpunkt des Westfälischen Friedens, der diese Epoche beschloß. – Ein Jahrhundert später eröffnete das französische Bürgertum den Kampf um die politische und ökonomische Souveränität, der nach vier Generationen zur doppelten Despotie führte. Die Französische Revolution riß alle Schranken ein, die die Wirkungssphäre des Staates begrenzen. Sie begann im Namen der Freiheit mit dem Sturm auf ein schwach besetztes Sondergefängnis, die Bastille, und endigte mit Konzentrationslagern als permanenten Einrichtungen für Millionen von Menschen; sie beseitigte im Namen der Gleichheit die Könige und führte zur Kluft zwischen einigen Menschen, die alle Rechte hatten und einer in Wirklichkeit völlig rechtlosen Majorität – nie zuvor waren soviele von so wenigen so vollständig abhängig; die Revolution rief dem kosmopolitischen Europa des 18. Jahrhunderts die Forderung der Brüderlichkeit zu und endigte im krassesten Nationalismus.“

Hier spricht ein Beobachter, der, aller Illusionen bar, den Ideologien auf den Grund ihrer säkularisierten Seelenlosigkeit geschaut hat und der sich dennoch den Sinn für menschliche Beziehungen und für so einfache Dinge, wie Freude machen und Freude haben, bewahrt hatte. Darum werden ihn viele vermissen. Marion Dönhoff